Vacha

Indien, Oktober 2015

Begleitung von Mädchen in der Pubertät

Ein Besuch beim Frauenprojekt Vacha in Mumbai ist ein regelmäßiger Bestandteil unseres Indienprogramms, insbesondere wegen der langjährigen Freundschaft von Sabine und Sonal, die das Projekt im Stadtteil Santa Cruz in Mumbai (Bombay) initiert hat und seit vielen Jahren leitet. Eine ausführliche Darstellung von Sonal und Vacha findet sich in diesem Blog unter „Sonal“. Auch in diesem Jahr vereinbaren wir mit Sonal einen Termin vor Ort, das Treffen bei Vacha ist wie immer mit einem reichhaltigen Mittagessen verbunden, alle Kolleginnen bringen ein paar Kleinigkeiten von zu Hause mit und wir schwelgen in indischen Köstlichkeiten. Leider gibt es nichts davon in indischen Restaurants in Deutschland. Aber natürlich steht nicht das Essen im Vordergrund, sondern der inhaltliche Austausch und was Sonal und ihre Kolleginnen berichten ist wie immer sehr spannend.

Titel der Publikation "Puberty, Poverty and Gender - Girls speak about Menstruation"

Titel der Publikation „Puberty, Poverty and Gender – Girls speak about Menstruation“. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Der Schwerpunkt der Arbeit von Vacha liegt bei der Begleitung und Förderungen von heranwachsenden jungen indischen Mädchen in der Pubertät, vornehmlich Mädchen die in den Slums („Bastis“) von Mumbai wohnen und dort dort neben ohnehin schon großen Problemen, mit denen Mädchen in Indien zu kämpfen haben mit einer weiter Klasse von Schwierigkeiten konfrontiert sind. Eines dieser Probleme sind massive Einschränkungen bei der Nutzung öffentlichen Raums (etwa Straßen, öffentlicher Transport und Nachbarschaft), angefangen bei verbaler und physischer Belästigung bis hin zu extremen Formen von sexueller Gewalt. Mit letzterem kam Indien in den letzten Jahren leider immer öfter in die internationalen Medien, wobei ich persönlich allerdings finde, dass die Berichterstattung in den westlichen Medien dem Thema nicht immer angemessen ist, insbesondere wenn von auf Grundlage solcher Exzesse auf die Situation in Indien als ganzes geschlossen wird. Sexuelle Gewalt ist auf jeden Fall ein Thema in Indien, so wie auch in den meisten anderen Ländern, inklusive den westlichen. Laut „National Crime Records Bureau“ unterliegen sexuelle Delikte einer jährlichen Steigerung von 2-3%, in Mumbai sind die registrierten Fälle von Vergewaltigungen die höchsten im Bundesstaat Maharastra.

Vacha hat den Fokus insbesondere auf die alltäglichen Einschränkungen, mit denen heranwachsende indische Mädchen konfrontiert sind, und hier speziell Mädchen aus den untersten sozialen Schichten. Um das Problem am Beispiel Mumbais zu illustrieren: Inklusive der Vororte leben in Mumbai vorsichtg geschätzt etwa 20 Millionen Menschen, davon (ebenfalls defensiv geschätzt) mehr als die Hälfte in Slums, je nach Definition sind es sogar bis zu zwei Drittel. Durch die vielen sozialen Probleme verursacht, migrieren immer mehr Menschen vom Land in die Metropolen, Mumbai ist davon besonders betroffen, die Einwohnerzahl und insbesondere die Zahl der Menschen ohne soziale oder wirtschaftliche Perspektive in Mumbai entwickelt sich progressiv – in wenigen Jahren wird Mumbai wahrscheinlich über 30 Millionen Einwohner haben. Beindruckend ist auch die Bevölkerunsdichte von knapp 30000 Menschen / Quadratkilometer (Berlin: knapp 4000).

Auf die eklatanten sozialen Unterschiede in Mumbai kann ich hier nicht im Detail eingehen, aber grob gesprochen lässt sich die Bevölkerung in drei gut voneinander abgrenzbare Schichten unterteilen: Erstens der sehr kleine Bevölkerungsanteil der Eliten, die vornehmlich im Südwesten der Stadt wohnen und sich fast komplett vom Rest der Gesellschaft abschotten. Zweitens die Mittelklasse (hier wird allgemein noch zwischen „lower middle class“ und „upper middle class“ unterschieden, letztere entspricht in etwa der westlichen Mittelklasse), je nach Betrachtungsweise etwa 30% der Bevökerung. Die Mittelklasse expandiert vornehmlich in die Vororte, da Immobilien im Stadtgebiet immer teurer werden. Dann der Rest, etwa zwei Drittel der Bevölkerung, die entweder in Slums (Bastis) leben oder sich zumindest in einer prekären Wohnsituation befinden, überproportional viele aus den unteren Kasten oder religiösen Minderheiten.

Während die Reichen in Mumbai in einem Luxus jenseits jeder Vorstellung schwelgen (die Quadratmeterpreise in ihren Wohngebieten gehören zu den höchsten der Welt), sind die Bewohner der Bastis so arm, dass sie sich nicht einmal die Nutzung von öffentlichem Personennahverkehr wie Bussen oder Schienenverkehr leisten können, um zu ihrer Arbeit zu kommen – es geht hier um wenige Rupien pro Ticket, also Cent-Beträge – sie müssen sich also eine Arbeit in Laufweite ihres Wohnumfeldes suchen. Arbeit gibt es aber oft nicht dauerhaft, die wenigsten werden ordentlich angestellt, wer keine Ausbildung hat muss mit einem Einkommen oft unter 100 Rs (etwa 1,50 Euro) pro Tag zurecht kommen und damit u.U. mehrere Personen versorgen.

In den Bastis gibt es weder Wasseranschluss oder Kanalisation, durch verschmutztes und verseuchtes Wasser verbreiten sich Infektionskrankheiten (Tuberkulose, Lepra und Malaria), die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Eine öffentlich geregelte Müllentsorgung ist in Mumbai ohnehin die Ausnahme. Aufgrund der rapiden Bevölkerungsentwicklung in Mumbai wird immer stärker verdichtet, in den Wohngebieten der Mittelklasse wird kaum noch unter zehn Geschossen gebaut, in den Bastis drängen sich huntertausende von Menschen auf wenigen Quadratkilometern. Wer hier eine Arbeit hat, geniesst keine Sozialleistungen, es gibt keinen Schutz vor Arbeitslosigkeit oder Arbeitsausfall durch Krankheit, keine Altersversorgung, oft keine Interessensvertretung durch Gewerkschaften – mafiöse Strukturen, Korruption, Kriminalität, Prostitution und Alkoholismus bestimmen den Alltag. Und über den Bastis hängt ständig die Bedrohung durch willkürliche Angriffe und Räumungen, denen die Bewohner idR schutzlos gegenüber stehen. Bauland ist in Mumbai Mangelware, mit Brachland wird massiv spekuliert. Bastis werden nur vorübergehend toleriert – z.B. wenn für Bauprojekte in unmittelbarer Nähe billige Arbeitskräfte gebraucht werden – und geräumt, wenn sich der Grund gewinnbringender nutzen lässt.

Daraus wird deutlich, dass die Zielgruppe von Vacha keine Randgruppe ist, sondern den überwiegenden Teil der in Mumbai lebenden Mädchen ausmacht. Zu deren Problemen aufgrund ihrer sozialen Stellung kommen geschlechtsspezifische Probleme und Probleme die spezifisch für ihre Altersgruppe sind. Zum ersteren gehört, dass diese Mädchen den öffentlichen Raum nicht in der selben Weise nutzen können wie männliche Jugendliche – ihr Wirkungsfeld ist häufig auf die Familie und die engste nachbarschaftliche Umgebung begrenzt. D.h. obwohl ihnen das Großstadtleben im Vergleich zum (eher konservativ geprägtem) ländlichen Leben eigentlich mehr Anonymität und individuelle Freiheiten gewährt, nehmen sie im Vergleich zu männlichen Jugendlichen nicht gleichberechtigt am gesellschaftlichen oder städtischen Leben teil bzw können den öffentlichen Raum nicht in gleicher Weise für sich nutzen.

Vacha setzt sich daher (wie andere Frauenprojekte in Mumbai auch) dafür ein, die Mobilität junger Mädchen zu verbessern. Das bedeutet u.a. die Schaffung sicherer öffentlicher Räume durch bessere Beleuchtung und Beschilderung bzw allgemein städtebauliche Instrumente, Maßnahmen zur besseren Einsehbarkeit der öffentlichen Räume, sichere Teilnahme am Straßenverkehr (motorisiert, zu Fuß), gute Anbindung an andere öffentliche Räume, Notfalleinrichtungen und die Erstellung lokaler Gebietskarten. Die Mädchen brauchen fördernde soziale Beziehungen, die sie dabei unterstützen, ihre persönlichen Vorstellungen und Potentiale zu entwickeln, bei erlittener Gewalt brauchen sie Unterstützung um Ansprüche aus Entschädigung durchzusetzen und sich gegen soziale Stigmatisierung zu wehren (oft werden sie selber für gewaltsame Übergriffe verantwortlich gemacht). Im Verbund mit anderen Frauenorganisationen in Mumbai (z.B. im Rahmen der „Adolescent Girls Learning Community“) werden den jungen Mädchen Beratung und Resourcen zur Entwicklung ihres Selbstbewußtseins, eigener Aktivitäten und Selbstorganisation angeboten.

Vacha arbeitet seit über 20 Jahren mit jugendlichen Mädchen und explizit auch mit männlichen Jugendlichen, um sie für geschlechtsspezifische Probleme zu sensibilisieren, das Team ist in 17 Bastis und über 45 Schulen und Colleges in Mumbai und Umgebung tätig. Sie machen Bildungsangebote für Mädchen und junge Frauen (z.B. Englischunterricht, Computerkurse, Fotografie, Theater und Sprachkurse für öffentliche Auftritte), die insbesondere auf eine Stärkung des Selbstvertrauens von Mädchen abzielen und ermutigen Mädchen Führungsrollen zu übernehmen, dabei wurden in den letzten Jahren etwa 5000 Mädchen erreicht. Der Englischunterricht ist deshalb besonders wichtig, da für viele weitergehenden Bildungsangebote nur englischsprachiges Material zur Verfügung steht. Die Qualität des Unterrichts sowohl an staatlich organisierten als auch anderweitigen Schulen in den Bastis ist deutlich schlechter als an sonstigen Schulen, sodass die Möglichkeiten der Mädchen, sich schriftlich auszudrücken eingeschränkt ist. Mit Kameras dokumentieren die Mädchen selbständig ihre Umgebung und Lebenssituation, bereiten das Material zusammen mit weiteren Recherchen am Computer auf und präsentieren es in Form von Ausstellungen und Publikationen.

Die Frauen von Vacha erzählten uns detailliert von Kampagnen, bei denen die Mädchen öffentliche Plätze identifizierten, die für sie normalerweise nicht sicher sind. Diese „besetzten“ sie in größeren Gruppen um ihren Anspruch zu dokumentieren. Darüber wurde diese Plätze fotografisch „in Besitz genommen“, wobei die Auststellung „How Safe Am I?“ entstand. Sie fotografierten beispielsweise junge Männer, die ihr Motorräder provokativ vor Frauentoiletten parkten, sodass diese nicht benutzt werden konnten. Sie erreichten schließlich, dass die Motorräder geräumt wurden.

Vor Frauentoiletten geparkte Motorräder

Vor Frauentoiletten geparkte Motorräder. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Vor Frauentoiletten geparkte Motorräder. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Vor Frauentoiletten geparkte Motorräder. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Im Rahmen einer weiteren Kampagne sammelten Mädchen Unterschriften für einen Aufruf, der ihre aktuelle Situation dokumentiert und von den Politikern Verbesserungen, insbesondere zum Schutz von öffentlichen Räumen für Mädchen, einfordert. Die Mädchen kauften Kricket- und Tennisschläger und Volleybälle und ermutigten die anderen Mädchen in ihrer Umgebung auf öffentlichen Plätzen mit ihnen zu spielen. Bald schlossen sich mehr und mehr Mädchen an, sodass schließlich auch zunächst zögerliche Eltern überzeugt werden konnten, ihren Mädchen die Teilnahme zu erlauben. Ein weiteres Betätigungsfeld für die Mädchen ist die Erschließung digitaler Plattformen, sie entschieden sich zunächst dafür, ihre Gedanken, Gedichte und Fotos in einem Blog unter girlhoodindia einzustellen – ist auf jeden Fall einen Klick wert.

Ein weiterer aktueller Schwerpunkt von Vacha ist das Projekt „Puberty, Poverty and Gender – Girls speak about Menstruation“, in vielfacher Hinsicht ein Tabu-Thema über das in den indischen Familien nur im Flüsterton gesprochen wird – nicht umsonst heisst eine bekannte Marke für Binden „Whisper“. Es gibt viele Einschränkungen für menstruierende Frauen und Mädchen, die diese leider häufig verinnerlichen und mit Schamgefühlen verbinden. Sonal sieht hier eine Parallele zwischen der Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen als „unberührbar“ und dem Umgang mit Frauen und Mädchen während sie ihre Tage haben. Amrita De, Projektorganisatorin schreibt, dass Problem entsteht u.a. dadurch, dass Frauen sexuelle Aktivität nur im Rahmen der Ehe zugestanden wird. Da jugendliche Mädchen noch nicht verheiratet sind, wird ihr Eintritt in die Pubertät daher einerseits als Bedrohung der idR sehr konservativen Moralvorstellungen empfunden, andererseits werden sie ab diesem Zeitpunkt vom anderen Geschlecht als Sexualobjekt betrachtet und sehen sich entsprechenden Angriffen ausgesetzt. Paradoxerweise wird von einigen Communities das Einsetzen der Menstruation in der Familie feierlich begangen, anderseits wird ihnen vermittelt, das Thema möglichst im Verborgenen zu behandeln, die Mädchen werden ab diesem Zeitpunkt mehr oder weniger starken Einschränkungen unterworfen, um ihre „Unberührtheit“ zu schützen. Im Gegensatz dazu genießen jugendliche Jungen ab dem Einsetzen der Pubertät weitergehende Freiheiten und ihr sozialer Status steigt.

Laut UNICEF versäumen Mädchen in Ländern in denen das Thema mit Tabus belegt ist im Schnitt etwa 20% ihrer Schulzeit, laut Amrita De ist die Situation in Indien prekärer – während etwa 65% der Schulen Indiens Toiletten haben für Jungs haben, sind es für Mädchen nur etwa 54%. Fehlende Toiletten sind mithin einer der Gründe für eine hohe Quote an menstruationsbedingen Fehltagen von indischen Schülerinnen. Auch Amrita De sieht die Parallele zwischen „cast untouchability“ (Unberührbarkeit per Kastenzugehörigkeit) und die Unberührbarkeit von indischen Frauen während sie ihre Tage haben. Erstere ist per indischer Verfassung verboten, zweitere ist offensichtlich eine Privatangelegenheit, es gibt keine Gesetze, die die Frauen schützen. Unberührbarkeit bedeutet: Frauen dürfen in dieser Zeit u.a. kein Essen oder Wasser mit anderen teilen oder auch nur berühren, die Küche nicht betreten und schon gar keine Tempel. In religiösen Texten, speziell in hinduistischen Texten, werden sie als „polluting agents“ bezeichnet, also als jemand, der seine Umgebung verunreinigt. Während und nach der Menstruation müssen sie sich speziellen Reinigungsritualen unterziehen.

Leider werden heranwachsende Mädchen mit diesem Thema weitgehend alleine gelassen, keiner erklärt ihnen was da mit ihnen passiert und hilft ihnen mit den hier beschriebenen Problemen fertig zu werden. Neben den familären Tabus und den beschrieben Problemen an den Schulen, umfasst das auch, wie sich die Mädchen mit Binden versorgen können (die Läden werden meist von Männern betrieben) und diese benutzen. Oft werden statt dessen noch Stoffstreifen verwendet, wobei es das Problem gibt, diese zu reinigen (auch weil es in den Bastis chronisch zu wenig Wasser gibt) und zu trocknen, weil sie nicht öffentlich sichtbar sein dürfen. Was bedeutet, dass es als nächstes ein Problem bei der Entsorgung gibt. Meist ist auch die häusliche Toilette ein Problem, in den Bastis leben häufig 6-10 Familienmitglieder in ein oder zwei kleinen Räumen, es gibt oft keine privaten Toiletten oder Waschgelegenheiten, sondern nur öffentliche – die entsprechend unhygienisch und oft nicht sicher sind. Gibt es private Räumlichkeiten, sind diese meist nur mit einem Vorhang abgetrennt und stehen unter permanter Beobachtung. Dort wird alles verrichtet, was privat ist, also Toilettengang, Körperpflege und Wäsche. Man kann sich vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten hier junge Mädchen zu kämpfen haben. Oft müssen sie ihre Brüder bitten, den Raum an den die Waschgelegenheit angeschlossen ist, zu verlassen was ihnen peinlich ist und oft ungenehme Fragen oder anzügliche Bemerkungen nach sich zieht.

Zustand öffentlicher Frauentoiletten. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Zustand öffentlicher Frauentoiletten. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Zustand öffentlicher Frauentoiletten. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundicherweise zur Verfügung gestellt.

Zustand öffentlicher Frauentoiletten. Das Bild wurde im Rahmen des Projekts von einem Mädchen aus dem Basti aufgenommen und freundicherweise zur Verfügung gestellt.

Neben diesen praktischen Aspekten ändert sich auch das soziale Leben der Mädchen mit dem Eintritt in die Pubertät drastisch. Während sie vorher unbefangen mit ihren Freundinnen draussen rumtoben durften, wird ihr Wirkungsbereich nun deutlich reduziert und beschränkt sich auf das nähere Wohnumfeld, wobei sie meist streng überwacht werden. Auch mit diesem dramatischen Wechsel müssen die Mädchen oft alleine fertig werden.

Hier setzt Vacha mit ihrem Projekt „Puberty, Poverty and Gender – Girls speak about Menstruation“ an. In Interviews und Workshops hat Vacha junge Mädchen gebeten, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder schreiben (wenn ihnen das selber möglich war), oder das Thema mit Fotos zu dokumentieren (z.B. wenn sie nicht schreiben können) oder bei ihren Freundinnen zu recherchieren. Heraus gekommen ist ein kleines Büchlein mit kurzen Texten von Mädchen mit verschiedenem religiösen Hintergrund und jeweils versehen mit einem kurzen Kommentar von Vacha zu den näheren Umständen in denen das Mädchen lebt und wie es sich im Laufe des Projektes entwickelt hat (Originalunterschrift des Titelbildes: „This is how we store the cloth we use for menstruation“ – siehe Bild am Anfang des Textes). Dabei wird eine große Bandbreite abgedeckt, auf der einen Seite Mädchen die mit großen Restriktionen kämpfen – teilweise auch für ihre Freundin schreiben – bis zu Mädchen, die in offensichtlich in liberaleren Umständen leben und von ihren Eltern gefördert werden. Oft läuft die Entwicklung der Mädchen im Rahmen dieses Projekt positiv, machmal aber verschwinden Mädchen auch von der Bildfläche, weil Eltern wie beschrieben die Freiheiten der Mädchen mit Einsetzen der Pubertät drastisch einschränken. Interessant ist auch, was die Mädchen über ihre weitere Perspektive schreiben, wie sie sich ihr künftiges Leben vorstellen, welche Ausbildung sie anstreben usw, meist in einer überwältigend offenen, ja gelegentlich offensiven Weise. Was denn auch sehr ermutigend ist.