Unterwegs

Von Gujarat nach Mumbai, 28.1.2012

Zug im Zug

Nach unserem ausgedehntem Gujarat-Aufenthalt nun wieder in Mumbai. Die erste Wahl beim Reisen zwischen Gujarat und Mumbai ist der Vadodara Express, vor allem weil er in Richtung Gujarat in Mumbai startet und zurück in Vadodara (Baroda) und nicht sonst woher kommt. Was den Vorteil hat, dass der Zug meist schon eine Stunde vor Abfahrt auf dem Abfahrtsgleis steht und man sich in aller Ruhe einrichten kann und sich nicht in einen überfüllten und zugemüllten Zug quetschen muss, der ggf schon tagelang unterwegs ist.

Entsprechend begehrt sind Reservierungen für diese Zug (ohne geht gar nichts, es sei denn man besticht den Ticketkontolleur – was leider allgemein üblich ist und die Züge entsprechend überfüllt), meist sind sie schon Monate vorher ausverkauft. Überhaupt ist der Schlüssel zu dem etwas unübersichtlichen Bahnsystems Indien (trotz allem eines der besten der Welt), dass man sich die Züge sorgfältig aussucht – das geht leider nur mit etwas Erfahrung und Insiderwissen. Viele Westler machen es sich einfach und buchen einfach AC 2tier (also erste Klasse Schlafwagen mit zwei Ebenen Liegen und Klimaanlage). Allerdings kosten die Ticket ein vielfaches von Standardtickets (3tier sleeper, also zweite Klasse Schlafwagen mit drei Ebenen Liegen) und man schläft nicht wirklich besser darin, teilweise wird es wegen der Klimaanlage sogar eisig kalt und man friert sich was ab. Der größte Nachteil aus meiner Sicht ist aber das Publikum: In der ersten Klasse hat man es überwiegen mit „Upper middle class“ zu tun, also im günstigsten Fall sterbenslangweiligen Leuten, im schlimmsten Fall nerven die mit ihren elitären und oft auch konservativen Ansichten. In der zweiten Klasse hat man dagegen mit halbwegs „normalen“ Menschen zu tun und entsprechend deutlich mehr Spaß.

Frischluft

Ein Problem kann allerdings ein Übermaß an Frischluft sein: Die Fenster schließen oft nicht dicht, oder werden von den Mitreisenden auch gerne die ganze Nacht über offen stehen gelassen, oft schließen auch die Waggontüren nicht oder bleiben absichtlich offen, und schließlich laufen Tag und Nacht über jedem Abteil drei mächtige Propeller. Kurz: Man sitzt ganz schön im Zug. Gerade jetzt im Winter wird es auf vielen Strecken nachts empfindlich kalt, ohne dicke Pullover und warme Decken hält man es nachts kaum aus. Viel Schlaf findet man ohnehin nicht, die Mitreisenden schnarchen um die Wette, reden, streiten und singen bis tief in die Nacht oder drehen die Musik auf Anschlag.

Eine angenehme und relativ unbedenkliche Abwechslung bieten die Kaffee- und Chai-Verkäufer in den Zügen, weil das Wasser vorher mit der Milch und Zucker verkocht wird, ist es relativ unbedenklich. Sehr lecker sehen auch die Chaats aus, die in den Zügen aus großen Bastkörben angeboten und aus Tomaten, Zwiebeln, verschiedenem Knusperzeugs, Chutneys und Zitrone zusammengemixt werden. Allerdings dürfte ein Genuss dieser Köstlichkeiten im Zug (wie auch am Straßenrand, wo sie üblicherweise angeboten werden) wegen der mangelnden Hygiene auf direktem Wege zum nächsten Durchfall führen.

Wenn es nicht gerade die Chaat- oder Chai-Wallas sind, die die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich ziehen, kommen alle paar Minuten Verkäufer von Wasserflaschen („watabattel“ oder auch „panibattel“ – „pani“ heist Wasser), Limonaden („fruuuti“) und Nüssen (“singalaaa“ – allerdings extrem durch die Nase gesprochen), Verkäufer von Tingeltangel, Kurzwaren, Haushalsartikeln, Handyhüllen und Plastikspielzeug, Schuhputzer (die ihr Handwerk idR wirklich verstehen, wenn auch gelegentlich die Farbe der aufgetragenen Schuhcreme nicht zum Original passt), (häufig blinde) Bettler, die entweder „devotional songs“ präsentieren oder einfach nur so die Hand auf halten, Kinder die mit einem schmutzigem Lumpen den Dreck von der einen Hälfte des Abteils in die andere kehren und dafür ein kleines Bakschisch erwarten, Hirjas (Transsexuelle in Sari), die einem die Hand auf den Kopf legen und dafür (man ahnt es schon) eine Kleinigkeit erwarten. Man kann aber auch direkt etwas durch die vergitterten Fenster kaufen, wenn der Zug gerade an einem Bahnsteig steht oder sich bei den Zwischenstopps auf den Bahnsteigen selber versorgen, da gibt es alle paar Meter Verkaufsstände mit Obst, Getränken, Knabberzeugs und kleinen Snacks wie Idi-Vada (Reisklößchen und frittierte Krapfen mit einem leckeren Kokoschutney), fettgebackenes wie Pakoras und Samosas und „meals“ (meist Reis mit „Kurma“ – einer oft sehr scharfen Gemüsesoße).

take seat

Man hat übrigens zwar eine Reservierung, aber die Sitzordnung in den Abteilen ist relativ flexibel, man sitzt idR irgendwo, wo gerade frei ist, gerne auch mal auf einer Bank, die für drei Leute ist, mit fünf oder sechs Personen. Außerdem wechselt die Sitzordnung ständig, geht man aufs Klo, ist meist der aktuelle Platz weg und man setzt sich einfach woanders hin. Die Reservierung spielt dabei eigentlich kaum eine Rolle, höchstens wenn es mal sehr voll wird (die indische Definition von „sehr voll“ ist aber denkbar weit gefasst). Man gibt sich höchstens mal einen kleinen Wink mit der Hand, oft wird die Hand dabei ganz unauffällig an der Hüfte platziert und wedelt etwas auf und ab, das verstehen die anderen sofort und rücken zusammen. Auch wenn man nachts die Sitzbänke zu Liegen umklappt, hat man häufig die Liege nicht alleine, weil sich Mitreisende ohne Reservierung gerne an einen dran kuscheln, da muss man dann schon etwas deutlicher klarmachen, dass man auch ohne diese Zuwendung klar kommt.

local trains

Die Gujarat-Züge fahren idR bis Bombay Central, in unserem Fall lohnt es sich allerdings schon, in Dadar auszusteigen, weil wir zu Daniel wollen, der in Mulund, einem Ortsteil am Nordostrand von Mumbai, sein Center hat. Allerdings gilt es vorher noch ein paar Hürden zu überwinden – als erstes mal ein Ticket für den „local train“. Es gibt zwei getrennte Eisenbahnsysteme in Mumbai, nämlich „Central“ und „Western Railway“, die sich nur in Dadar überschneiden. Tagsüber ist daher in Dadar die Hölle los, wer hier umsteigt braucht wirklich starke Nerven. Wir kommen allerdings schon um 4:30 in Dadar an, da hält sich der Betrieb noch in Grenzen. Den Ticket-Counter für die Western Railway finden wir schnell, der für die Central Railway (die wir fahren) versteckt sich allerdings etwas. Außerdem gibt es am Counter eine ewig lange Schlange, weil gerade der Berufsverkehr startet und die meisten nicht genug Geld haben, sich mit „Coupons“ (Blöcken mit Blankotickets) zu bevorraten. Glücklicherweise hat und Daniel vorher verraten, dass wir für Coupons nicht anstehen brauchen, schön zu wissen wäre aber gewesen, dass die Coupons für beide Eisenbahnsysteme gelten.

Der eigentliche Coupon-Kauf geht dann so: Zunächst muss man genau wissen, was ein Block gerade kostet: An manchen Countern werden nur Blöcke für 50 Rs verkauft, an anderen nur Blöcke für 30 Rs, da man das Geld abgezählt hinhält, muss man den Preis vorher irgendwie rauskriegen (um die Uhrzeit trifft man am Schalter auf keinen, der Englisch spricht). Dann geht man mutig an die Spitze der Schlange und streckt (wie alle anderen auch) seinen Arm mit dem Geld durch die winzige Öffnung am Schalter und schreit längere Zeit „Coupon“. Irgendwann wird einem das Geld aus der Hand gerissen und mit etwas Glück erwischt man ein Coupon-Block. Unmöglich in diesem Chaos irgendetwas verbal zu klären.

Dann geht man mit dem Couponblock zur Stempelmaschine, dafür muss man aber vorher genau den Fahrpreis kennen, den hat uns Daniel netterweise auch schon vorab mitgeteilt, sonst wird das u.U. auch stressig, weil die Infotafeln hierzu oft fehlen, in Hindi sind, oder unleserlich oder veraltet. Oft sind die Stempelmaschinen bis auf eine defekt und es findet eine mittlere Schlägerei an der einzig funktionierenden statt. Die kommt vor allem auch dadurch so richtig in Schwung, dass man sich den Fahrpreis aus diversen Beträgen (1 Rs, 2 Rs, 4 Rs usw) zusammensetzen muss und so für ein Ticket oft 3-4 Coupons abstempeln muss. Da der einzige funktionierende Stempelautomat nur ab und zu mal (vermutlich aus Langeweile) stempelt, wenn man was in ihn reinsteckt, bedeutet das viele, viele Stempelvorgänge, bis man ein valides Ticket hat. Da man ohne genau zu zielen den Coupon (übrigens aus hauchfeinem Papier, das schnell knickt und dann kaum noch in den Stempelautomaten geht) durch eine Lücke in der Menschenmauer um den Automaten steckt, hat man manchmal Glück und trifft den Schlitz, meistens aber nicht. Das Ganze dauert also etwas, aber nichts währt ewig und irgendwann verlässt man den Fahrscheinverkauf mit gültigen Tickets. Es ist übrigens nicht angeraten, ohne Ticket zu fahren. Es wird zwar selten kontrolliert, aber wenn, wird es sehr, sehr unangenehm, wenn man ohne Ticket angetroffen wird.

„slow“ oder „fast“ ?

Dann die Bahnsteigsuche. Man muss sich meist zwischen den Varianten „slow train“ und „fast train“ entscheiden. Erstere halten an jeder Station und sind entsprechend langsamer, dafür aber nicht so begehrt. Letztere halten nur an der wichtigsten Stationen und sind entsprechend schneller und begehrt, was bedeutet, dass sie noch viel voller sind als ohnehin schon. Außerdem spielt es eine Rolle, von wo der Zug gerade kommt. Kommt er von weit (oder fährt noch sehr weit), ist er voller als üblich. Hat er erst 1-2 Station vor oder hinter sich, ist er noch nicht so voll. Das alles und noch einiges mehr berücksichtigt der Reisende, bevor er sich für einen Zug entscheidet – für uns ein hoffnungsloses Unterfangen, weil wir zu diesen Infos idR keinen Zugang haben. Leider fahren auch slow und fast trains von unterschiedlichen Gleisen, die man nur per Treppe wechseln kann – wer wie wir mit Gepäck reist, versucht die Anzahl der Treppen die es zu erklimmen gilt, im Rahmen zu halten. Leider ist es auch nicht ohne weiteres zu erkennen, welcher Zug von welchem Gleis fährt (Gleisangaben fehlen auf den Fahrplantafeln), statt dessen werden in Mumbai auf den Anzeigetafeln ein- oder zweistellige Stationcodes verwendet, die aber den Stationsnamen kaum ähneln und auch sonst nirgendwo dokumentiert sind. Wir kennen mittlerweile eine Handvoll der wichtigsten auswendig, aber bis dahin war es steinig.

Ist man dann auf dem richtigen Bahnsteig und der Zug rollt ein heißt es erstmal Abschied nehmen, denn für Frauen gibt es idR ein eigenes Abteil. Außerdem muss man im Getümmel aufpassen, nicht aus Versehen in die erste Klasse einzusteigen, die sich äußerlich von der zweiten Klassen durch nichts unterscheidet außer dem Preis, der etwa Faktor 10-15 mal höher liegt. Was denn Effekt hat, dass dort weniger Gedränge herrscht. Wer mit einem Zweite-Klasse Ticket in der ersten Klasse erwischt wird, hat idR mit drakonischen Strafen zu rechnen, auf jeden Fall aber wird man erst mal länger festgehalten.