Unterwegs

Indien, November/Dezember 2015

Was wir so erlebt haben

Dieser Text behandelt im Gegensatz zu den anderen Blogbeiträgen für die Indienreise 2015 keine speziellen inhaltlichen Themen, sondern beschreibt den Reiseverlauf als Ganzes und wie es uns persönlich dabei ergangen ist. Die Fotos sind überwiegend von Sabine.

Liebevoll übersetzte Speisekarte in einem Restaurant unterwegs.

Liebevoll übersetzte Speisekarte in einem Restaurant unterwegs.


Anreise

Die Anreise nach Bombay / Mumbai war diesmal weitgehend unproblematisch. Wir hatten ein Ticket für British Airways mit Zwischenlandung in London gebucht. Dieses Jahr waren die Ticketpreise besonders niedrig, wir lagen deutlich unter 500 Euro pro Ticket. Eingechecktes Gepäck war auf 23 kg beschränkt, aber das Handgepäck durfte nochmal 23 kg wiegen, man musste es nur selber ohne zu schummeln in die Gepäckablage heben können. Dazu gab es noch frei eine Laptoptasche. Wir mussten also alles, was nicht ins Handgepäck durfte im eingecheckten Koffer unterbringen, was bei uns traditionell zum großen Teil Mitbringsel sind, insbesondere Olivenöl, Antipasti, Süßigkeiten usw – alles Dinge, auf die sich unsere Freunde freuen und die in Indien schwer zu bekommen sind. Die Wäsche und andere unverdächtige Sachen – insbesondere in meinem Fall haufenweise Technik (da ich idR mit mehreren Laptops, Tablets und Handy reise) – landeten dann im Handgepäck. Da vor allem in London das Handgepäck sehr genau gecheckt wird, zog sich dabei die eine oder andere Augenbraue hoch. Unser Flug ging diesmal am Sonntagnachmittag, sodass wir uns vorher gemütlich auf die Abreise vorbereiten konnten. Die Technik im Langstreckenflug von London nach Mumbai war ungewöhnlich betagt, sodass ich auf das Ansehen von Videos verzichtete und die meiste Zeit verschlief (allerdings etwas behindert durch die Knie der jungen Damen in der Reihe hinter uns) oder mir über Kopfhörer Weltmusik (die sehr gut ausgesucht war) anhörte. Mein Essen an Bord war ovo-lakto-vegetarisch und hat mich eher nicht zu Freudentänzen angeregt (was aber an Bord vermutlich gar nicht erwünscht ist), Sabine hatte auf Indian-Veg bestanden, das sah etwas besser aus.

Die Ankunft in Mumbai war relativ pünktlich mittags. Die Prozedur ist so, dass man erst mal durch die Passkontrolle muss, da bin ich immer etwas nervös, weil ich wegen unserer Verbindung zu politisch Aktiven in Indien nicht sicher bin, ob es nicht mal Probleme bei der Einreise gibt. Dann am Gepäckband warten, da hatte ich auf anderen Reise schon öfters das Problem, das mein Gepäck mal nicht dabei war, in Indien interessanterweise noch nie. Dann noch durch den Zoll, aber da gibt es idR für Westler kein Problem. Und schließlich zum Prepaid Taxi einen Stock tiefer, ist zwar für indische Verhältnisse auch nicht gerade billig, aber schont die Nerven. Inklusive Gepäck sind vom Flughafen nach Mulund, einem Vorort im Norden, wo unser Freund Daniel sein Center etwa 600 Rs (etwa 8,50 Euro) fällig. Normalerweise kommen wir morgens sehr früh an – es ist noch angenehm kühl, die Straßen leer und wir fahren durch das erwachende Mumbai. Diesmal ist es aber schon Mittag und sehr warm (es rollt gerade eine Hitzewelle über Indien) und der Verkehr total dicht, sodass sich die Taxifahrt hinzieht und wir im Taxi ordentlich durchgegart werden.


Mumbai

Bei unserer Ankunft macht uns Daniel traditionell Dosa, hauchdünne knusprige Reis-Waffeln, was Daniel meisterhaft beherrscht. Dann schlafen wir uns idR erst mal aus und es folgt eine längere Session mit Telefonanrufen von unseren Freunden. Der erste Tag ist immer mit viel Kleinkram vollgepackt, z.B.SIM-Karten organisieren, kleine Einkäufe, der erste Chai im Rutchi (unserem Lieblingsrestaurant vor Ort), dann überlassen wir uns dem Jetlag, der uns die ersten Tage bis tief in die Nacht wachhält, der Zeitunterschied beträgt 4,5 Stunden.

Bis Ende der Woche bleiben wir in Mumbai, machen aber nicht viel und erholen uns erst mal vom Stress der letzten Wochen auf Arbeit. Ich springe gelegentlich mal bei der taz ein, wenn es was zu klären gibt und halte Kontakt mit meinen Mitstreitern beim Mietenbündnis Neukölln und dem Qartiersrat Reiterkiez – für beides organisiere ich die IT, auch von Indien aus. Und wenn ich darüber hinaus noch Elan habe, schreibe ich an diesem Blog.

Andreas / Juhu Beach Mumbai

Andreas / Juhu Beach Mumbai

Ansonsten folgt die Zeit mit Daniel in Mumbai in etwa immer demselben Muster – wir stehen gegen 7:00 auf, Daniel macht sehr leckeren Chai und es gibt Kakra zum Frühstück, hauchdünne und knusprige Scheiben aus Mehl und Gewürzen, in etwa wie große Chips. Dann macht jeder seins, Daniel verbringt viel Zeit am Computer, wir machen das Geschirr, putzen oder kaufen ein, ab und zu ein kleiner Spaziergang, für mich alle paar Tage ein Besuch beim Barbier, der mir eine 1a Rasur verpasst, inklusive Gesichtsmassage und diverser Püderchen und Wässerchen, die er in meinem Gesicht verteilt. Sabine ist die ersten Tage ab und zu beim Schneider um sich ein paar passende Sachen nähen zu lassen. Für die vor uns liegende Reiserei buchen wir noch Zugtickets soweit möglich, allerdings geraten wir diesmal wegen Diwali (indisches Neujahrsfest und für die Mehrheit der Inder das wichtigste Ereignis im Jahr) in die Hauptreisezeit und Tickets sind, wenn überhaupt nur noch per „Tourist-Quota“ verfügbar.

Mittags wird was einfaches gekocht, ich mache idR gut gedünstetes Gemüse mit indischen Gewürzen, Daniel dazu Kitcherie, eine Mischung von Reis und Linsen aus dem Schnellkochtopf, abends geht es gerne mal ins Rutchi, ein kleines Restaurant mit sehr leckeren indischen Gerichten, leider gibt es nichts davon in Deutschland. Daniel ist ein großer Freund von Chai oder Kaffee zwischendurch, sodass wir alle paar Stunden neuen kochen und uns kurz zur gemeinsamen Pause zusammen setzen. Wir haben diesmal Mocca aus Kreta mit gebracht, der sich wegen seiner einfachen Zubereitung sehr für Indien eignet und allen, die ihn in Indien von uns serviert bekamen, hervorragend geschmeckt hat. Gegen Abend schauen wir uns dann auf Daniels Computer gemeinsam einen der Filme an, die ich aus Deutschland mitbringe, vor allem für Actionfilme ist Daniel sehr zu haben – und die Lautsprecher werden voll aufgedreht, „Lärmbelästigung“ ist in Indien keine Vokabel, mit der einer was anfangen kann. Oder wir gehen in eines der umliegenden Kinos und schauen uns einen der Bollywood-Blockbuster an – auf Hindi (wir müssen etwas raten worum es im Detail geht) und gut eingepackt, denn die indischen Kinos sind rechte Gefriertruhen. Ist der Tag dann vorüber, werden die Moskitonetze aufgespannt, ohne geht es hier gar nicht. Allerdings staut sich die Wärme im Moskitonetz, und auch die folgenden Tage wird es nicht kühler und nach wenigen Minuten sind Kopfkissen und Laken schweißnass, an Schlaf ist so kaum zu denken. Die Alternative wäre, den Fan die ganze Nacht laufen zu lassen, was mit entsprechendem Lärm und vor allem Zug verbunden ist – tatsächlich haben wir nach zwei Tagen eine kräftige Erkältung, die uns die ersten Wochen erst mal begleitet. Oder wir öffnen die Fenster, dann sind wir allerdings dem Lärm der Autobahn und der Müllverbrennungsanlage gegenüber der Autobahn vor dem Haus ausgesetzt.

Ein paar Worte zum Center. Es liegt in Mulund, ein Vorort im Nordosten von Mumbai, im siebten Stock eines Hochhauses aus Eigentumswohnungen – Mietwohnungen sind eher selten und teuer. Die Anlage ist wie allgemein üblich eingezäunt und wird von mehreren Wachleuten bewacht. Das Center liegt direkt am „Eastern-Express-Highway“, einer mehrspurigen Autobahn die bis nach Downtown geht, man ist also verkehrsmäßig gut angebunden, dafür ist der Autobahnlärm bis in den 7ten Stock zu hören, die Fenster zum Highway bleiben deshalb im Center meist verschlossen, aber auch weil auf der anderen Seite hinter dem Highway eine große Müllverbrennungsanlage steht und man sonst die Abgase in die Wohnung bekommt. Und Abgase haben in Indien eine andere Qualität als in westlichen Ländern. Neben dem Hochhaus gibt es einen Kanal, der sowas ähnliches wie Wasser führt, sieht aber eher aus wie eine Kloake und stinkt entsprechend – der Gestank ist eigentlich permanent aber an manchen Tagen wirklich ganz erbärmlich. Gegenüber werden gerade am laufenden Band vielstöckige Hochhaus-Neubauten hochgezogen – gearbeitet wird Tag und Nacht, mit entsprechend schweren Gerät und Lärm. Letztes Jahr hat auch noch der Nachbar von Daniel umgebaut und mehrere Monate mit Presslufthämmern Decken und Wände aufgerissen, der Lärm war unbeschreiblich. Das alles wird in Indien idR ohne viel Spektakel hingenommen, würde wohl auch wenig verändern, für uns als Besucher aus dem Westen ist das Ganze schon eine gewisse Herausforderung und geht an die Grenzen unserer Belastbarkeit, obwohl wir diese Zustände schon seit vielen Jahren kennen.


Nargol und Dharampur

Am Samstag unser Besuch beim Frauenprojekt Vacha. Sonntags mit Daniel und Sabine nach Nargol in Gujarat, wo wir uns mit Daniel, Michael, Anand und Swati für ein paar Tage zum Austausch zurück ziehen. Die Berichte von den Vieren gibt’s hier. Wir fahren mittags, diesmal mit einem „Seater“, d.h.es gibt keine Sitzbänke sondern Einzelsitze so wie in den Großraumabteils in deutschen Zügen auch. Die übrigen drei holen uns per Auto in Vapi am Bahnhof ab. Vapi ist übrigens für eine der schlimmsten Industrie-Kloaken in Gujarat bekannt, hier haben unsere Freunde früher mal eine Kampagne angesichts der Belastung der Umgebung mit hochgiftigen Chemikalien organisiert. Vapi-River hat einen PH-Wert, der gegen Null geht.

Von Vapi aus geht es mit Michaels Auto nach Nargol weiter, wir sitzen zu sechst im Auto, zwei vorne und vier hinten, plus Gepäck. Das geht nur, wenn jeder mal reihum eine Pobacke hochhebt und sich damit zufrieden gibt, mit einer Hälfte zu sitzen. Die gemieteten Räumlichkeiten in Nargol liegen in einem sogenannten „Beach-Ressort“, wobei der Strand noch ein Kilometer weit weg ist, was auch gut ist, denn er wird offensichtlich als öffentliche Toilette und Müllhalde benutzt, die Hinterlassenschaften liegen dicht an dicht. Immerhin haben wir AC, was bei uns recht selten der Fall ist. Einerseits ganz nett bei der Hitze, aber unsere Erkältung wird davon auch nicht besser. Außerdem haben wir Vollverpflegung hier, es wird dreimal am Tag gekocht, dafür sind die Preise für indische Verhältnisse exorbitant. Und es gibt einen kleinen Pool in Goldfischteichgröße, der mir etwas suspekt ist, aber Sabine und Michael trauen sich rein. Für mich ist es immer erstaunlich, dass solche Ressort einerseits auf chic gemacht sind, aber einmal fertig gestellt vor sich hin gammeln, was kaputt (Wasserhähne, Boiler etc.) geht wird idR nicht oder nur zähflüssig repariert. Die Möbel (Matratzen, Tische, Stühle) sind offensichtlich schon benutzt, aber noch teilweise in Plastik eingeschweißt, das mittlerweile in Fetzen herunter hängt, was ziemlich bizarr aussieht.

Außer unseren Talks gibt es diverse Ausflüge, wir kennen Nargol von einem früheren Besuch. Seinerzeits wohnten wir in einer Villa am Strand, die uns Michael vermittelt hat. Diesmal geht es nach Bordi, in den Kainad-Ashram, zudem unsere Freunde wegen ihrer Aktivitäten Verbindungen haben und nach Umargam, wo früher mal ein großer Hafen gebaut werden sollte, der aber die Existenz der dortigen Fischer bedroht hätte. Nach heftigen Protesten, die auch von unseren Freunden mit organisiert wurden, wird das Projekt vorerst nicht weiter verfolgt, ist aber noch nicht endgültig vom Tisch.

Von Nargol aus geht es dann weiter nach Dharampur, wir übernachten ausgesprochen nett im „ARCH-Institute“ (Action Research in Community Health and Development), siehe www.archgujarat.org. Diese Institution konzentriert sich schwerpunktmäßig auf Gesundheits- und Bildungsarbeit für prekäre Familien, insbesondere für Adivasis (Indigene) und unterstützt sie in ihrem Kampf für das Recht auf ihr Land. Ihr Konzept steht dem von Michael und Swati sehr nahe. Wir übernachten bei ARCH, weil am nächsten Vormittag im nahegelegenen Dharampur ein Training mit Jugendlichen stattfindet, zu dem Sabine und ich auch eine Einheit beitragen und das wir am Vorabend vorbereiten.

Am nächsten Morgen geht es um 9:00 los nach Dharampur zum CEE (Centre for Environment Education), das Training startet um 10:30. Anand, Swati und Michael führen mit etwa 30 Jugendlichen verschiedene Übungen zum Thema soziale Gerechtigkeit durch, dazwischen gibt es längere Blöcke mit Infos, alles in Gujarati, sodass Sabine und ich inhaltlich wenig mitbekommen. Wir beide haben ein paar Folien zur sozialen Situation in Deutschland vorbereitet, die Michael für uns übersetzt.

Sabine und Swati beim Workshop in Dharampur

Sabine und Swati beim Workshop in Dharampur

Nach dem Mittagesen geht es mit Michael und Sabine über Mandvi, Valod/Vedcchi, nach Mozda weiter, Anand, Swati und Daniel steigen in Anands Auto um und fahren nach Baroda, wo wir uns ein paar Tage später wieder treffen.


Mozda

Wie schon in anderen Beiträgen erwähnt, haben wir im Adivasi-Dorf Mozda kaum Internet. Da auch Michael für seine Arbeit etwas Bandbreite braucht, fahren wir regelmäßig zum nächst größeren Ort, stellen uns dort mit dem Auto auf einen Hügel und sind dann 1-2 h online. Außer den inhaltlichen Programmen mit dem Mozda-Collective nutzen wir die Tage zu ausgedehnten Spaziergängen durch den Wald. Mozda liegt mitten in einem Natur-Reservat (ist also für Touristen ohne weiteres nicht zugänglich) und ist landschaftlich sehr schön. Leider ist auch hier die Wasserknappheit ein großes Thema, wegen des spärlichen Monsoons ist der nahegelegene Fluss weitgehend ausgetrocknet, eigentlich sollte der Wasserstand jetzt, kurz nach dem Monsoon, sehr hoch sein. Michael bringt uns mit seinem Auto zu einer Stelle, wo sich ein natürliches Wasserbecken im Fluss gebildet hat und wir bis zum Bauch im Wasser stehen können. Sehr sauber ist der Fluss zwar nicht, aber bei der Hitze ist das eine ziemlich spektakuläre Erfrischung. Im Fluss treibt sich alles Mögliche rum, auch Schlangen, z.T. giftige, das wollen wir aber lieber nicht so genau wissen. Es gibt übrigens allerlei Giftiges in Mozda, insbesondere tödlich giftige Kobras und Vipern sowie sehr giftige Skorpione. Wenn man sich an ein paar Vorsichtsregeln hält passiert nichts, aber es kommen doch jedes Jahr Menschen durch Schlangenbisse ums Leben, leider war davon auch Michael und Swatis direkter Nachbar betroffen. Michael passt aber gut auf uns auf und gibt regelmäßig Tipps, wie wir uns verhalten sollen, um Risiken zu vermeiden. Sehr spektakulär sind auch die Schwärme von Fledermäusen, die sich abends wie auf Kommando aus einigen Bäumen am Flussufer erheben und für wenige Momente den Himmel bedecken.

Inhaltlich geht es in Mozda in diesen Tagen um die wathershed-Programme („Water Protection Collective“) und die Ergebnisse der Untersuchungen der umliegenden Dörfer zu den Folgen der Wasserknappheit durch Jayenti, Aivind, Virsing and Ishwar, alle vier Adivasis und der Kern des Mozda-Collectives. Details zu dieser Untersuchung finden sich auch in Michaels Bericht. Die Dürre ist die zweite in Folge, es gab daher nur eine Ernte statt zwei im letzten Jahr und selbst die fiel geringer aus als sonst, sodass die Farmer in großen Schwierigkeiten sind. Jayenti & Co befragen Farmerfamilien, insbesondere Witwen, wie sie über die Runden kommen. Entweder haben sie Land, dass sie selber nicht bestellen können – dann wird es von anderen genutzt, ohne dass sie davon viel abbekommen — oder sie haben kein Land und suchen Arbeit (idR bei der Ernte), die es aber wegen der Dürre auch kaum gibt. Die betroffenen Familien haben daher Probleme, sich ausreichend zu versorgen. Den Farmern werden vom Collective mehrere Optionen angeboten: Entweder sie bauen Bunds, pro 25 m³ gibt es100 kg Reis, oder sie bekommen den Reis geborgt und müssen ihn nächstes Jahr zurückgeben. Die zweite Option birgt das Risiko, dass die nächste Ernte auch schlecht wird, daher sind die Farmer sehr zögerlich mit ihrer Entscheidung und das Ganze ist noch in der Schwebe.


Kantidra

Die nächste Station ist Kantidra, wo Kanti, der seit vielen Jahren mit uns eng befreundet ist, eine Biofarm betreibt. Leider ist der Bio-Anbau in Indien in keiner Weise reguliert, jeder Bio-Farmer verfährt nach Gutdünken, sodass wir immer wieder etwas bizarre Auswüchse mitbekommen, z.B. dass für die Bewässerung PVC-Rohre verlegt werden, Bio-Crops mit Crops auf Hybrid-Basis (insbesondere bei Baumwolle) oder auch Cash-Crops (insbesondere Zuckerrohr und Bananen) wechseln. Auch die massive Entnahme von Grundwasser für das Farming würde man nach westlichen Standards als nicht sehr nachhaltig bezeichnen.

In Kantindra leben ebenso wie in Mozda überwiegend Adivasis, allerdings wird das Land nicht durch ein Reservat geschützt. Was uns im Vergleich zum letzten Mal sofort auffällt ist, dass hier viele Lehmhütten durch Steinhäuser ersetzt wurden. Auch die Wege wurden weitesgehend neu gemacht, da fließt offensichtlich Geld. Mich hätten die Hintergründe dazu interessiert, aber da Kanti kaum Englisch spricht, können wir das nicht so detailliert aufdröseln.

Chapati-Zubereitung

Chapati-Zubereitung

Kantis Frau Yatra macht abends „Muthia“ für uns, da sie weiß dass wir die besonders mögen und selten bekommen. Das ist eine der vielen Gujarat-Spezialitäten (die Gujaratis sind wirkliche Schleckermäuler), nämlich Teigrollen mit Gewürzen und irgendeinem Grünzeug drin, das wir nicht kennen. Diese werden erst gedämpft und dann in Scheiben geschnitten und mit Sesam in Öl gebraten. Sehr deftig, aber schmeckt fantastisch. Wir dürfen übrigens Salat beisteuern, der hier in der Regel gut ankommt. Normalerweise hat man in Indien als Gast keinen Zugang zur Küche, aber Kanti und Yatra sind da sehr unkompliziert und freuen sich, wenn wir helfen. Gegessen wird auf dem Boden, was außer der für uns ungewohnten Sitzhaltung diverse Probleme mit sich bringt, denn man darf den Boden nicht mit den Händen berühren, das macht das Hinsetzen und Aufstehen zu einer Herausforderung für uns. Man muss überhaupt mit den Händen sehr vorsichtig sein, mal darf man was nur mit der rechten, mal was nur mit der linken machen, das ist im Detail recht kompliziert und wir haben es bis heute nicht wirklich komplett durchdrungen. Nach dem Abendessen sind wir papp satt und müde. Da es sehr warm ist, übernachten Sabine und ich draußen auf der Terrasse, was ausgesprochen romantisch ist.

Bio-Farming

Kanti und Andreas vor Kanti's Farm

Kanti und Andreas vor Kanti’s Farm

Ein traditioneller Programmpunkt bei Besuchen in Kantridra ist eine ausführliche Begehung der Farm. Besonders stolz ist Kanti auf eine Gruppe Papaya-Bäume, die er ohne Düngung wachsen lässt, sie bringen je Baum etwa 35-40 kg Früchte je Saison. Er erklärt uns, dass neue Setzlinge schon nach einem Jahr Früchte bringen (wenn wir ihn richtig verstanden haben, was ich kaum glauben mag). Daneben findet sich eine Gruppe von Kokospalmen, für deren Ernte engagiert er jemand, der sich mit einem einfachen Seil um die Füße gegen den Stamm stemmt und so bis zu den Nüssen hochrobbt. Dann gibt es Guaven-, Zitronen-, Neem- und Mangobäume und einige Baumsorten für die er nur den Gujarati-Namen kennt, vermutlich sind diese Sorten bei uns unbekannt. Außerdem Teak und Bambus, letzteres in zwei Varianten, gelber und grüner, der etwas kleiner wächst und anders genutzt wird. Er pflanzt auch verschiedene Gemüsesorten, darunter kartoffelähnliche Knollen, die uns auch unbekannt sind, sowie diverse andere Früchte und Pflanzen, die wir ebenfalls nicht kennen. Eine gibt er uns zum probieren, sie ist so sauer, dass mein Gesicht kurzzeitig die Forum einer Sultanine annimmt – und Kanti freut sich wie ein Schneekönig. Eine weitere Medizinpflanze die bei niedrigem Hämoglobinspiegel eingesetzt wird, muss ich auch probieren, die schmeckt dagegen sehr bitter, fast eklig. Ich bin froh, als diese Verköstigung aufhört. Gedüngt wird übrigens u.a. mit Kuh-Urin, das regelmäßig gesammelt und in einem Fass aufbewahrt wird und auch gegen Insektenbefall hilft. Für die Kühe wird auch eine spezielle Sorte Grass angebaut und öfters frisch zur Fütterung geschnitten. Die Auswahl an angebauten Pflanzen wechselt jährlich, damit die Böden nicht auslaugen, zwischendurch bleibt auch mal ein Teil brach, damit die Böden sich erholen.

Auf einem kleinen Stück seiner Ackerfläche zieht Kanti einige Zuckerrohr-Pflanzen, aber nur für die Gewinnung von Stecklingen. Ein großflächiger Anbau lohne zurzeit wegen der niedrigen Preise nicht. Auf dem größten Teil seiner Ackerfläche baut er dagegen „custor“ an, also Rizinus. Der Hauptgrund dafür ist die schon erwähnte Dürre seit zwei Jahren und weil er mittlerweile seinen Lebensmittelschwerpunkt in Baroda hat, weil seine Tochter dort zur Schule geht. Kanti beschäftigt daher auch regelmäßig Landarbeiter, die ihn bei der Arbeit unterstützen. Dabei werden etwa Löhne von 100 Rs (etwa 1,50 Euro) pro Tag bezahlt. Custor wird nur einmal im Jahr geerntet (das nennt Kanti eine „longtime crop“, etwa 8 Monate), ist sehr pflegeleicht, wächst schnell (in wenigen Monaten mehrere Meter) und ist dürre-resistent. Kanti erklärt, dass er sein Feld nur einmal wässern muss, das reiche dann bis zur Ernte. Wir sind zufällig dabei, wie das Feld mit einem „bullog“ umgepflügt wird.

Umpflügen einen Feldes von Custor-Pflanzen

Umpflügen einen Feldes von Custor-Pflanzen

Das bei uns bekannteste Produkt aus Castor ist Rizinus-Öl, welches aus dem Samen kalt gepresst wird (Ölanteil von etwa 40 bis 50 %) und abführend wirkt. Die Samen selber sind hochgiftig –schon wenige sind tödlich und ein Gegengift ist nicht bekannt – das Gift ist aber nicht fettlöslich und geht daher nicht ins Öl über. Rizin ist so giftig, dass in der Vergangenheit daraus Kampfstoffe hergestellt wurden.

Im großen Maßstab wird Rizinus für Medizinprodukte und für die Herstellung von Kunststoffen sowie als Gleit- und Schmiermittel, für die Herstellung von Linoleum, Lacke und Farben und in der Kosmetikindustrie eingesetzt, z.B. für Lippenstifte und Shampoos. Kanti erläutert uns weitere Anwendungen in der Naturmedizin, als Insektenschutz und in der Düngung. Also ein All-Rounder, vielleicht heißt die Pflanze auch deshalb „Wunderbaum“. Indien steuert mit jährlich 750.000 Tonnen etwa 60 Prozent zur Weltproduktion bei.

Wie schon von anderer Seite berichtet, gibt es auch hier große Probleme mit der anhaltenden Dürre, die allerdings Kanti nicht so sehr betreffen, als er schon vor Jahren in einen „bore well“, also einen Bohrbrunnen, investiert hat. Das war für ihn ein größeres finanzielles Unternehmen, aber es zahlt sich jetzt aus, insbesondere weil er das Wasser an die benachbarten Farmer verkauft. Der Brunnen reicht bis 320 Fuß tief, bislang liegt der Grundwasserspiegel bei 150 Fuß, da ist also noch etwas Luft. Durch den benachbarten Narmada-Fluß ist hier die Lage auch nicht ganz so dramatisch, allerdings liegt Kantidra stromabwärts des sehr umstrittenen Sadar Saravar Damms, der mittlerweile fast seine endgültige Bauhöhe erreicht hat. Man kann für die Zukunft damit rechnen, dass das Narmada-Wasser immer weniger zum Erhalt des Grundwasserspiegels beiträgt.

Am rückwärtigen Ende seiner Farm wächst Henna, das zum Haare färben verwendet wird. Die Blätter werden in einem Mixer zerkleinert und in kleinen Portionen von Freunden vermarktet. In Indien wird Henna überwiegend zum Färben von Fußsohlen und Händen verwendet, insbesondere zum Verzieren der Hände mit kunstvollen „Mehndi“-Tattoos, die ein paar Tage halten. Am Ende des Rundgangs sehen wir noch einen Baum mit länglichen Früchten, sogenannte „drum sticks“, sehen aus wie sehr lange Bohnen und sind sehr faserig. Sie kommen eigentlich in jedes Sambar, eine scharfe Suppe die zu Dosa oder Idlis gereicht wird, dabei werden die drum sticks zwischen die Zähne genommen und das Fruchtfleisch von den Fasern gezogen.

Während Sabine und ich mit Kanti auf den Feldern unterwegs sind, werde ich mit „V.J.“ angesprochen, das passiert mir immer wieder. Vor etwa 25 Jahren war hier mal ein deutscher Freiwilliger namens „Herbert“ für etwa 4 Wochen zu Besuch, der sich offensichtlich sehr eingebracht hat. Jedenfalls haben ihn die Dorfbewohner damals wohl sehr in ihr Herz geschlossen, Kanti erzählt, dass es bei seinem Abschied einen großen Bahnhof gab, manche Dorfbewohner hätten sogar geweint.

Am Narmada

Ein weiterer fester Programmpunkt in unserem Besuchsprogramm ist traditionell ein Spaziergang zum Narmada, die Landschaft auf dem Weg dahin ist ausgesprochen schön und wie genießen den Gang. Leider ist es diesmal zeitlich etwas knapp und Kanti bringt uns mit seinem Motorrad zum Narmada an unsere Lieblingsstelle, an der ein Tempel steht, dessen Swami wir seit vielen Jahren kennen und mit dem wir immer gerne mal ein Stündchen plaudern. Normalerweise nutzen wir die Gelegenheit zu einem kleinen Bad im Fluss, bislang haben wir uns auch von den Krokodilen nicht abhalten lassen, die es im Narmada geben soll. Diesmal sind wir aber von mehreren Seiten gewarnt worden, dass wir es besser bleiben lassen sollen. Es hat mehrere Todesfälle gegeben, in einem besonders tragischen Fall ist sogar eine ganze Familie ausgelöscht worden, sie wurde der Reihe nach alle von Krokodilen gepackt und unter Wasser gezogen. Am Narmada angekommen sind auch folgerichtig mehrere Schilder aufgestellt, die vor der Gefahr warnen, der Eingang zum Wasser ist mit Netzen abgesperrt. Wie wir so am Ufer stehen, sehen wir mitten im Fluss ein Prachtexemplar schwimmen, die Schnauze und der Rückenkamm auf dem Schwanz sind gut zu erkennen. Leider haben wir nur unsere Handys dabei, sodass man auf den Fotos nichts erkennt. Aber wir sind sehr beeindruckt, vor allem weil das Krokodil sehr aktiv wirkt. Später treffen wir den Swami, der gerade vom „Gaushala“ (rituelles „sich kümmern“ um die Kühe bei den religiösen Hindus) zurückkommt. Auch er bekräftigt das Problem. Früher hatten die Krokodile den ganzen Narmada zur Verfügung, durch den Sadar Darovar Damm sind sie nun in ihrer Ausbreitung behindert und konzentrieren sich hier. Er erzählt auch von einem Leoparden und einer Gruppe Hyänen, die hier herum schleichen, es war wohl ganz gut, dass wir mit dem Motorrad hergekommen sind und nicht alleine durchs Gelände gelaufen sind. Abends sitzen wir dann mit Yatra und Kanti auf der Farm und sie erzählen ausführlich, wie ihr Leben sich gerade ordnet. Besonders Kanti hat eine lange Liste von Punkten, die er alle mit uns besprechen will.

Warnschild am Narmada

Warnschild am Narmada

Am nächsten Tag geht es weiter nach Baroda, vorher sind wir noch eingeladen eine Bananenplantage zu besichtigen. Diese Programme sind immer ein wenig Teil des Deals, Kontakte zu Westlern steigern hier das Sozialprestige, daher werden wir immer etwas rumgereicht. Wir müssen also erst mal die ganze Familie des Plantagenbesitzers Nandalal im Ort Umala kennenlernen, da Diwali vor der Tür steht, werden wir mit Süßigkeiten vollgestopft. Der Großvater soll angeblich 117 Jahre alt geworden sein, die Großmutter 100. Dann geht es auf die Plantage. Bananen sind typische Cashcrops und müssen intensiv bewässert werden, mit nachhaltiger Landwirtschaft hat das wenig zu tun. Die Bewässerung passiert mit „drip irigation“, die über einen Bohrbrunnen versorgt wird, damit ist man so auch unabhängig von den aktuellen Dürren.

Die abgeschnittenen Stämme der Bananenpflanzen kann man mit einer Hand auswringen, so viel Wasser speichern sie, aus dem Boden kommen bereits die Sprossen für die nächste Generation. Dann organisiert man uns einen Jeep nach Rajpipla (hier gibt es eine Zweigstelle des BSFC, die überwiegend von Anand genutzt wird), wo wir in einen Bus nach Baroda umsteigen.


Baroda

Swati bewohnt ähnlich wie Daniel in Mumbai eine Dreizimmereigentumswohnung in einen Hochhaus, das Teil einer größeren Anlage ist. Da sie in derselben Wohnung auch ihre Eltern versorgt und es permanent viel Besuch gibt, haben sie noch die Nachbarswohnung dazu gemietet und Michael hat vor kurzem in einem Nachbargebäude auch noch mal eine Zweizimmerwohnung dazu gemietet, in die wir die nächsten Tage einziehen und so etwas Privatsphäre haben. Im selben Gebäude haben übrigens Kanti und Yatra auch eine entsprechende Wohnung gekauft, die Fenster von Swati und Kanti/Yatra sind in Sichtweite. Kanti und Yatra kommen gelegentlich rüber und plaudern mit uns. Ansonsten gilt für Swatis Wohnung dasselbe, was ich schon über Daniels Wohnung geschrieben habe, sie liegt an einer großen Straße und wenn man die Fenster aufmacht, ist der Verkehrslärm unerträglich, nicht unbedingt eine attraktive Wohngegend, vor allem null Infrastruktur außer zwei Dutzend Mobilfunkshops. Direkt nebenan liegen großzügig angelegte Parks für den Polo- und den Golf-Club, das sind aber sehr elitäre Vereine, die Jahresbeiträge kosten ein Vermögen. Gegenüber liegt in einer noch mal um Größenordnungen weitläufigeren Anlage der Palast der Königsfamilie von Baroda. Ein Teil des Palastes wird von der erlauchten Familie noch bewohnt, ein anderer Teil ist öffentlich zugänglich (gegen Eintritt, versteht sich).

In Swatis Wohnung halten sich außer ihren Eltern noch Michael, Anand, Daniel und wir beide auf, zudem gibt es wegen Diwali noch regen Besuchsverkehr, dementsprechend betriebsam und vor allem laut geht es zu. Abends läuft auch noch die meiste Zeit der Fernseher, gerade gibt es die Ergebnisse der Wahl in Bihar, die die BJP krachend verloren hat und eine politische Aufregung jagt die nächste, darüber wird im Fernsehen ununterbrochen berichtet und unsere Freunde schauen wie gebannt auf den Bildschirm. Ich bin froh, dass wir dem Spektakel ab und zu mal in Michaels Wohnung entfliehen können.

Unsere indischen Freunde leben ja freiwillig hier, ist mir schleierhaft, vor allem da sie alle vom Land kommen und nach eigner Aussage das Leben in der Natur genießen, wohl ein Kultur-clash. Beim Spaziergang entlang der Hauptverkehrsstraße hat man immer mit Rikschas und Motorrädern zu kämpfen, die sich teilweise völlig unberechenbar verhalten, insbesondere auf einen zufahren ohne dass man weiß wohin man sich in Sicherheit bringen soll. Es ist völlig normal, dass die Fußgänger springen. Häufig sieht man ganze Familien, zwei Erwachsene mit Kindern auf einem Motorrad, kein Helm, keine Schutzkleidung. Unfälle (Rikscha oder Motorräder) sind vermutlich immer mit schweren Verletzungen verbunden. Der Abschuss war eine Pyramide aus Motorrad, Familie und einem Hund ganz oben drauf – alles in voller Fahrt. Frauen sieht man kaum am Steuer von Motorrädern, Rikscha, Autos oder Trucks, es gibt aber mittlerweile eine kleine Zahl von weiblichen Taxifahrerinnen, die ein „Frauentaxi“ anbieten. Habe ich aber nur von gehört und noch keins gesehen.

Aus Anlass von Diwali haben wir einen Tisch bei einem „Mexikaner“ reserviert, bin sehr gespannt. Vor Ort ist die Enttäuschung groß, mexikanisch ist nur die Speisekarte, auf dem Teller landen durchweg um dekorierte indische Gerichte, was für unsere indischen Freunde nicht so schlimm ist, weil sie das Original nicht kennen, aber ich leide still. Dazu kommt eine Art McDonalds-Ambiente, was aber in Indien weniger mit Schnellfress als mit westlicher Esskultur assoziiert wird und daher bei der indischen Mittelklasse hoch im Kurs steht. Mir gruselts.

Ansonsten kriegen wir von Diwali vor allem die Kracher mit, etwa 4-5 Tage werden Tag und Nacht massenweise China-Böller gezündet – vor allem nachts, macht einen Höllenlärm und an Schlaf ist kaum zu denken. Man bekommt die Dinger gerne direkt vor die Füße geschmissen, und gelegentlich sind das ganz schön massive Zündsätze. Mehr als einmal bekommen wir was ab und wir sind heilfroh, dass wie Diwali mit heiler Haut überstehen.

Etwas schwierig war diesmal das Buchen von Zugtickets, wegen Diwali war schon Wochen, wenn nicht gar Monate vorher alles weg. Wir wollen von Baroda nach Jodhpur in Rajasthan weiter, und haben per Tourist-Quota auch ein Ticket bekommen, allerdings mitten in der Nacht und ausgerechnet an Sabines Geburtstag. Wir versuchen also Tatkal in einem nahe gelegenem Ticketoffice. Tatkal-Tickets bilden ein beschränktes Kontingent, das erst ein Tag vor Abfahrt ausgegeben wird. Wir probieren es mit Anands Hilfe zunächst online, nach 1 Minute sind alle Tickets weg, keine Chance. Es gibt eine zweite Chance in besagtem Ticket-Office, aber auch hier dasselbe, nach wenigen Minuten ist alles weg und wir haben das Nachsehen. Also doch mitten in der Nacht zu Sabines Geburtstag reisen.


Jodhpur

Die Maharani von Jodhpur

Die Maharani von Jodhpur

Nach Jodhpur geht’s gegen 5:00 von per Zug los, wir haben noch ein paar Stunden auf der Liege, bevor diese um 9:00 runter geklappt werden und wir den Rest der Reise sitzend verbringen. Kurze Zeit später steigt eine große indische Familie mit vielen Kindern ein, es wird sehr eng und vor allem lebhaft, es kommt zu kleineren Gesprächen und Nettigkeiten. Übrigens Gujaratis auf dem Weg nach Rajasthan, die sind idR recht zugänglich und vor allem reisen Gujaratis gerne mit viel Essen im Gepäck, es ist mir immer eine Freude zu sehen, was die alles an Köstlichkeiten aus ihrem Gepäck zaubern und recht freizügig an alle Mitreisenden verteilen. Mein Panamahut zieht übrigens regelmäßig eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich, auch bei anderen Gelegenheiten. Ich werde immer wieder von Indern angesprochen, die sich den Hut ausleihen – jede/r darf ihn reihum mal aufsetzten und wird fotografiert, unter herzhaftem Gelächter.

Der Zug kommt pünktlich in Jodhpur an, allerdings ist Endstation eine Station vor Jodhpur Junktion, es dauert eine ganze Weile bis wir das mitkriegen und aussteigen. Am Bahnhof gibt es den üblichen Stress mit Schleppern und etwas aufdringlichen Rikscha-Fahrern, aber wir sind jetzt ganz Touris und müssen da durch.

Im Haveli

Einer der Rikschafahrer hängt wie eine Klette an uns, wir werden ihn nicht los und so bringt er uns mit seiner Rikscha zum Hotel. Wir haben ein Zimmer im dritten Stock, schön eingerichtet mit einem riesigen massiven Holzbett im Rajputh-Stil, ansonsten der übliche indische Mix aus Komfort und Gammel (siffige Wanne, herausgerissene Lampen, gesplitterte Kacheln, eine Klospülung, die ununterbrochen läuft usw.), angeblich drei Sterne, wer die wohl vergeben hat. Gespeist (auch gefrühstückt) wird in Jodhpur bei allen Hotels auf dem Dach, was idR bedeutet, dass 3-4 Stockwerke durch ein enges Treppenhaus rauf kraxeln muss, wer was essen will. Barrierefreiheit sieht anders aus. Dafür hat man einen schönen Blick auf die gewaltige Festungsanlage, die hier die Hauptattraktion ist.

Zimmer im Guesthouse von Jodhpur

Zimmer im Guesthouse von Jodhpur

Das Essen in den meisten Restaurants ist das, was man immer in Touri-Gegenden in Indien bekommt (egal ob hier, Dharamshala, Goa oder an den Stränden Südindiens), so eine Art Querschnitt durch die Internationale Westliche Küche inklusive dem, was man im Westen auf indischen Speisekarten sieht (Curry-Matsche mit zerkochtem Gemüse, Fleisch oder Fisch), nichts aus Südindien, Gujarat oder anderen Gegenden, die für das beste der indischen Kochkunst stehen. Mit „Querschnitt durch die Internationale Westliche Küche“ meine ich im wesentlichen Müsli, Porridge, Toaste oder Rührei bzw. Pfannkuchen zum Frühstück, Nudeln, Pizza und Fleischgerichte für Mittags und abends. Immerhin finden sich aber gelegentlich ein paar (wenige) Rajasthani-Gerichte auf der Speisekarte, so auch in diesem Restaurant. Keines davon kannten wir bisher und sie waren alle sehr gut. Am ersten Abend bekommen wir in unserem Hotel ein Rajasthani- Curry das ähnlich wie Muthia schmeckt, aber aus Kichererbsen hergestellt wird.

Die Hotels in Jodhpur sind im „Haveli“-Stil erbaut, das heißt das Gebäude ist um einen kleinen Lichthof errichtet, der sich vom Erdgeschoss aus durch alle Stockwerke bis ganz nach oben zieht, die Zimmer sind dann über eine Art Galerie jeweils pro Stockwerk vom Lichthof aus zugänglich, unterbrochen von sehr gemütlichen Nischen, die mit Teppichen und Sitzkissen hergerichtet sind. Die Böden sind mit schönem Mosaik verziert, die Wände mit Rajasthani-Motiven bemalt. Von außen sind die Häuser meist blau gestrichen, weshalb Jodhpur auch „die blaue Stadt“ heißt. Die Angestellten kommen überwiegend aus Nepal und werden nach meiner Einschätzung ziemlich ausgebeutet, jedenfalls wirken sie wenig motiviert und der junge Mann, der sich anfangs um uns bemüht, ist nach ein paar Tagen verschwunden (was mich nicht übermäßig wundert), die Hotelbesitzerin ist stocksauer und will ihn anzeigen.

Markt in Jodhpur

Jodhpur liegt im Osten Rajasthan, nicht weit von der pakistanischen Grenze. Rajasthan ist eines der Hauptreiseziele für Touristen, deswegen waren wir da bisher so gut wie noch nie. Jodhpur ist wie Rajasthan allgemein wegen seiner Paläste, Festungen und Tempel beliebt. Geschichtlich interessant sind hier vor allem die Rajputen-Herrscher, die eigentlich am liebsten Kriege führten. Dominiert wird die Stadt von der Festungsanlage Meherangarh, welche auf einem Felsen liegt und bis im Besitz der Königsfamilie ist.

Den ersten Tag in Jodhpur machen wir nicht viel, es gibt bei uns in der Nähe einen schönen Markt, mit einen sehenswertem „clocktower“ in der Mitte, rund rum von Mauern eingefasst, durch deren Tore Motorräder und Rikscha knattern, die fahren hier mit unverminderter Geschwindigkeit mitten durch. Gleich an einem der ersten Stände, an denen wir Halt machen, wird ein Verkäufer auf uns aufmerksam, der sich dann für längere Zeit an unsere Fersen heftet und auf uns einredet – scheint hier zum lokalen Brauchtum zu gehören. Jedenfalls taucht er immer wieder auf, wenn wir schon fast glauben, wir hätten ihn abgehängt. In großer Zahl gibt es hier Gewürzläden, ich denke, dass sind so typische Trends: Irgendeiner kommt auf die Idee, dann machen es alle nach weil sie glauben, damit groß ins Geschäft mit den Touris einzusteigen.

Auf dem Boden sitzen viele Rajasthani-Frauen und verkaufen ihre „bangles“, die für Indien typischen Armreifen aus buntem Plastik, die werden übrigens zum großen Teil unter ziemlich erbärmlichen Bedingungen zusammengelötet – meist von Kindern, die mit heißem Lack und Säurelösungen rumhantieren und dabei giftige Gasdämpfe einatmen, die Lebenserwartung dieser Kinder liegt entsprechend niedrig. Die Ausbeutung lohnt sich, denn diese Armreifen werden täglich in Millionen Stückzahlen umgesetzt, kaum eine indische Frau verzichtet darauf.

Daneben gibt es hier eine spezielle Art von bangles aus weißen Plastik, das wohl Elfenbein imitieren soll und die traditionell von Rajasthani-Frauen getragen werden, oft sind die Arme bis zum Oberarm komplett bedeckt. Es ist ausgesprochen kurzweilig, der Prozedur zuzuschauen: Die Händlerin schmiert den Handgelenkansatz ihrer Kundin mit irgendwas ein, schiebt den Armreif darüber und drückt dann nach und nach die Handgelenksknochen durch den Reifen, was relativ lange dauert. Hat der Reifen die Hürde endlich überwunden, wird das Gesamtkunstwerk am Arm begutachtet und ein alter Reifen am Arm ausgewählt und zerbrochen, sodass er entfernt werden kann. Bis eine Kundin komplett ausgestattet ist, kann so eine ganze Weile vergehen.

Auf dem Markt von Jodhpur

Auf dem Markt von Jodhpur

Auch hier in Jodhpur gönne ich mir gelegentlich eine Rasur beim Barbier, für 50 Rupien (etwa 70 Cent) wird mir einmal das Gesicht gemacht, neben Rasur gehört dazu eine genaue Inspektion und künstlerische Stutzung meiner Nasen- und Ohrbehaarung und eine Gesichtsmassage. Rasiert wird übrigens immer zweimal. Da ist dann wirklich alles weg, inklusive der Haut, die dann entsprechend gereizt ist. Diesem Umstand wird mit diversen Wässerchen und Cremes entgegen gearbeitet, brennt zwischendurch etwas, aber ich lasse mir nichts anmerken und erfreue mich hernach des Kinderpopos in meinem Gesicht. Übrigens entdecken wir etwas außerhalb des Zentrums eine Reihe von sehr feinen indischen Restaurants, wo wir unsere geliebten Chaats (so eine Art indische Tappas, ganz viele Sachen zusammengerührt und immer eine Mischung von süß, sauer, scharf, sehr aromatisch, knusprig und weich zugleich) bekommen. Da ist es dann auch knallvoll, die lokale indische Szene trifft sich, mit ganz wenigen Touris mitten drin. Man wartet auf einer Sitzbank, bis ein Platz frei ist. Sitzt man endlich an einem Tisch, kommt in nullkommanix das Essen, was für uns in diesem Fall ein Moment höchster Freude ist, ein paar Minuten später ist man fertig und steht wieder auf der Straße.

Wir haben zwar TV im Zimmer und würden gerne mal englische Nachrichten schauen – insbesondere um uns über die Anschläge in Paris zu informieren, über die man hier leider wenig wirklich Informatives erfährt. Uns interessiert auch was Modi in London treibt. Auf Einladung von Cameron soll er im Wembley-Stadion vor zigtausend Indern auftreten, soll eine ziemliche Galavorstellung sein. Wohlgemerkt, Modi ist der Regierungschef Indiens und steht für einen hindufundamentalistischen Kurs. Wegen seiner Beteiligung an den Gujarat-Pogromen, hatte er jahrelang Einreiseverbot in diversen westlichen Staaten. Jetzt wird empfangen wie der Kaiser von China. Unsere Merkel hat sich auch vor kurzem mit ihm in Indien getroffen und auf Gutwetter gemacht. Zur Auswahl stehen hunderte von Satellitensendern, und einige kündigen zwischen den Werbeblocks auch englischsprachige News an, aber nach über einer Stunde Rumgezappe fühlen wir uns etwas veräppelt, denn statt der News gibt es immer nur 1-2 minütige Einspieler mit Sekundenclips aus Paris und einer musikalischen Untermalung wie beim Film „Independence Day“ und entsprechend reißerischen Sprüchen. Journalismus in Indien ist schon seit Jahren eine Katastrophe, aber es geht offensichtlich immer noch ein Stück schlechter.

Anlagen, Festungen, Paläste

Am zweiten Tag dann die unvermeidliche Besichtigungstour zu den lokalen Sehenswürdigkeiten, zunächst per Rikscha zum Umaid Bhawan Palace, ganz nett aber riesige Menschenmassen, der Maharadscha sieht übrigens aus wie Albert Einstein. Nur ein kleiner Teil der riesigen Anlage ist begehbar, der Rest wird als Hotel und vom Besitzer genutzt. Nächste Station dann die Mandore Gardens. Schöne Anlage, man sitzt im Schatten vor den Tempeln. Dann Jaswant Thada, der „weiße Palast“, auch sehr schön, große Halle mit Ahnengalerie der Raos und Maharadjas. Draußen duftet es nach Blumen, toller Ausblick, Sabine verhandelt länger mit einem Saiteninstrumentspieler, mag sich dann aber doch nicht zum Kauf eines Instrumentes entschließen. Schließlich zur historischen Festungsanlage Meherangarh, sehr nett. Bevor es losgeht, essen wir einen Happen, ich bekomme ein scharfes Mirchi-Vada. Das ist nur genießbar, wenn man das Mirchi (eigentlich eine Paprika, aber hier eine höllisch scharfe Chili) aus dem Vada entfernt und man sich mit der knusprigen Teig-Panade begnügt.

Muslimische Familie beim Besuch des Meherangarh

Muslimische Familie beim Besuch des Meherangarh

Der Eintritt beträgt stolze 500 Rs (etwas über 7 Euro) pro Person. Angesichts eines Mittelklasse-Einkommens (außerhalb der Metropolen) von etwa 10000 Rs schon eine für Indien nicht unerhebliche Summe. Dafür bekommen wir einen Audioguide, was auch wirklich hilfreich ist, aber das Gedränge ist schon ziemlich massiv. Zwischendurch werden wir zu einer kleinen Musikvorführung eingeladen, und richtig – es geht primär um den Verkauf von Musik-CDs. Interessant ist vor allem der Purdha-Bereich, in dem die Frauen weitgehend isoliert von der Männerwelt lebten und ihn oft ihr Leben lang nicht verließen. In einigen Teilen Ostindiens gibt es das ja heute noch.

Für den nächsten Tag haben wir dann eine Fahrt zu den Bishnoi gebucht. Bekannt sind die Bishnoi vor allem, weil ihre Religion ihnen neben dem Verzehr von Fleisch auch das Fällen von Bäumen verbietet. Um das Jahr 1730 wehrten sie sich gegen die Abholzung von Khejri-Bäumen durch Soldaten des Maharaja von Marwar, wobei hunderte von Dorfbewohnern umkamen, die sich zum Schutz vor die Bäume gestellt hatten. Der Protest war jedoch schließlich erfolgreich, und der Maharaja erließ ein Dekret gegen die Abholzung, an dieses Massaker erinnert heute ein Denkmal. Wir hatten eigentlich ein richtiges Auto erwartet, aber es kommt ein offener Jeep, der an Sitzkomfort einiges zu wünschen übrig lässt. Die erste Station ist die erwähnte Gedenkstätte, die aber offen gestanden ziemlich einsam und vernachlässigt in der Landschaft rumsteht, da fährt sicher kaum einer hin. Dann zu einem See mit Beobachtungsstand („Bishnoi village Camp„), auf dem sich die Touris tummeln. Hauptattraktion sollen Antilopen in freier Wildbahn sein, aber die sind nur von ganz weit weg zu sehen, dafür sehen wir unterwegs viele Schafe, die sind zwar nicht ganz so interessant wie Antilopen, aber dafür viele und von ganz nah zu sehen. Und schöne und vor allem viele, viele Kraniche und ein paar Rehe. Da wir Schwierigkeiten haben, die anderen Vögel zuzuordnen, fasst Sabine sie unter dem Kunstbegriff „Kohlrabenschwalben“ zusammen, was mir eine längere Phase der Heiterkeit verschafft.

Diese Vogelgattungen sind in die "Kohlrabenschwalbe" eingeflossen

Diese Vogelgattungen sind in die „Kohlrabenschwalbe“ eingeflossen

Ansonsten der übliche Touristen-Nepp. Angeblich sollten wir ein paar Dörfer sehen, wo wir Bishnoi begegnen sollten u.a. auch wie sie blockprint machen und Teppiche weben. Was wir da sahen, hatte aber mit Dorfleben nichts zu tun und über die Bishnoi haben wir wenig erfahren. War die übliche (etwas mafiös organisierte) Verkaufsveranstaltung, gruselig wie da die Touri-Massen durchgeschoben wurden. Vielleicht ganz gut, dass man die Bishnoi damit verschont. Aber natürlich auch schade, dass die Touris nichts über die Menschen hinter den Produkten erfahren. Wir werden von Verkäufer zu Verkäufer geschoben, das Ganze ist ziemlich durchsichtig, aber wir lassen uns drauf ein und sehen uns ein paar schöne Stücke an. Insbesondere die Präsentation mit dem Teppichhändler zieht sich hin, aber seine Preise sind wirklich utopisch und wir lassens bleiben. Am Abend noch ein kleines Highlight: Auf dem Fort, das wir gestern besucht haben wird anlässlich der Geburt des neuen Königs ein Feuerwerk gezündet. Die Königsfamilie ist aber in der Bevölkerung offensichtlich nicht sehr gut gelitten, da der gegenwärtige König sich im Gegensatz zu früheren Generationen nur wenig für die soziale Situation des einfachen Volkes interessiert.


Wieder in Mumbai

Damit ist unser Programm in Jodhpur erst mal zu Ende. Wir reisen per Nachtzug nach Mumbai zurück. Im Zug gibt es eine kleinere Auseinandersetzung mit einer Familie, die jeden Winkel des Abteils mit ihrem Gepäck vollgestellt hat und sich nur sehr zögerlich bereit erklärt, uns etwas Platz zu machen. Wir bekommen dann etwas Unterstützung von einem weiteren indischen Paar, das offensichtlich dasselbe Problem mit den Leuten hat. Schließlich muss das Familienoberhaupt in den sauren Apfel beißen und Platz im Gepäckabteil mieten, um seine Sachen unterzubringen.

In Mumbai verbringen wir die letzten Tage, bevor Sabine wieder zurück nach Deutschland muss, wieder bei Daniel im Center wie oben schon beschrieben. Ich genieße meine regelmäßigen Besuche beim Barbier, im Kino sehen Daniel, Sabine und ich uns in Ermangelung eines interessanten Bollywood-Films diesmal den neuesten James Bond Film „Spectre“ an, Daniel verwöhnt uns mit Dosa. Zwischendurch lauf ich durch einen der vielen Parks in der Umgebung, die haben meistens eine Rasenfläche in der Mitte, die intensiv zum Kricketspielern genutzt wird (wie die das bei der Hitze machen, ist mir ein Rätsel), darum herum führt meist ein angelegter Weg, der zur sportlichen Betätigung der Restbevölkerung gedacht ist (und auch genutzt intensiv wird).Insbesondere die indische Mittelklasse dreht hier mehrmals täglich mit raschem Schritt einige Runden, sodass der Weg eher wie eine dicht besetzte Rennbahn wirkt, eine Erscheinung die sich in den urbanen Zentren der meisten Metropolen findet.

Nachdem Sabine wieder zurück nach Deutschland abgereist ist, schlägt Daniel einen Besuch bei einem befreundeten Ehepaar in Mulund-West vor. Er hat längere Zeit im Auftrag von Sandoz in Frankfurt gearbeitet, die beiden sind einem indischen Guru zugetan, von dem sie mir dann in Folge ausführlich erzählen, dazu gibt es Sweets und leckeren Chai. Leider bekomme ich von dem, was die beiden mir da erzählen, wenig mit. Sie bewohnen eine winzige Wohnung, die genau auf der Ecke von zwei großen Straßen sitzt und der Lärm ist ohrenbetäubend und ohne Pause. Ich bin immer wieder beeindruckt, unter welchen Umständen Menschen leben können.

Abends führe ich dann für die taz noch telefonisch ein Bewerbungsgespräch mit einem Anwärter auf die technische Projektleitung durch, was unter den gegebenen Bedingungen etwas anstrengend ist, insbesondere die schlechte Telefonqualität macht uns beiden zu schaffen. Im Anschluss sitze ich die halbe Nacht am Laptop um das Ergebnis des Gesprächs für meine Kollegen bei der taz zu dokumentieren.


Goa

Dann geht es für mich nach Goa weiter, ich brauche nach den letzten beiden Jahren Projektleitertätigkeit bei der taz ein paar Wochen Ruhe. Im Süden Goas, ein paar Kilometer entfernt von der Westküste Indiens gibt es den kleinen Ort Benaulim, in dem es (zumindest im Vergleich zum Norden) noch relativ beschaulich zu geht. Direkt am Strand gibt es ein paar Hütten („shacks“) und einige wenige Ressorts, in denen man direkt am Strand wohnen kann. Etwas günstiger ist es in Benaulim selber, zum Strand sind es dann 10-15 Minuten. Sabine und ich fahren hier schon seit Mitte der 90er ab und zu hin, seitdem sind die meisten Gäste zusammen mit uns älter geworden, im Schnitt liegt das Alter hier bei Mitte Fünfzig bis Siebzig, einige Dauergäste haben sich in Benaulim auch Immobilien erworben.

Für die ersten Tage habe ich mich in der „Villa Malibu“ ein gebucht, die von Anne, einer Deutschen betrieben wird, etwa 10 Minuten Fußweg zum Strand, die Räume sind groß, schön und pikobello, Anne ist sehr hilfsbereit und freundlich. Die Villa Malibu liegt etwas am Ortsrand, also außerhalb des Trubels, was ich ganz angenehm finde, die um das Grundstück herum liegenden Felder stehen teilweise unter Wasser, insbesondere abends ist die Luftfeuchtigkeit daher, insbesondere angesichts der aktuellen Hitzewelle, sehr hoch und die Wärme nur mit den Fens (Deckenventilatoren) im Zimmer zu ertragen. Entsprechend gibt es Moskitos und kleine Fliegen, die auch gerne mal stechen. Da sich unter Moskitonetzen die eh schon nur schwer erträglich Hitze staut, verzichte ich übrigens in Goa generell auf ein Moskitonetz und lasse die Nacht über den Fan laufen, was die Biester gar nicht mögen. Allerdings ist bei einem Stromausfall die Hölle los, und mit Malaria und Dengue (wird beides durch Moskitos übertragen) ist nicht zu spaßen, ich kann also nicht empfehlen, sich ein Beispiel an mir zu nehmen. Da ich schon seit vielen Jahren nach Indien reise, und nur selten gesundheitliche Probleme habe, bin ich da mittlerweile etwas gelassener, insbesondere was Schutzimpfungen und meine Reiseapotheke betrifft, letztlich muss aber jeder selbst entscheiden, zu wie viel Risiko man bereit ist. Wo ich nach wie vor kein Risiko eingehe ist Wasser und Speiseeis, ersteres nur aus Plastikflaschen oder abgekocht, letzeres gar nicht wegen der vielen Stromausfälle.

Für die letzten paar Tage habe ich mir eine Bambushütte direkt am Strand im „Blue Corner“ gemietet, auch eine klare Empfehlung. Die Hütten sind um einen zentralen Platz herum angeordnet, fast wie ein kleines Dorf und zu 100% aus Bambus und Kokusnußpalmen gebaut (von den Sanitäranlagen und der Elektrik mal abgesehen). Leider scheint es manchen Gästen nicht klar zu sein, dass die relativ dicht stehenden Bambushütten den Schall nicht besonders gut isolieren, sodass ich von einigen Paaren mehr mitbekomme, als mir lieb ist. Die offene Bauweise der Bambushütten bringt auch mit sich, dass man ab und zu mal ungebetene Gäste hat. In meinem Klo hat sich ein (leider sehr hässlicher) Frosch eingerichtet, der mal in meinem Klo schwimmt, sodass ich warten muss, bis er seine Morgentoilette erledigt hat oder direkt neben dem Klo sitzt und mich mit großen Augen abschaut, wenn ich mein Geschäft verrichte.

Das "Blue Corner" / Benaulim Beach

Das „Blue Corner“ / Benaulim Beach

Morgens knallt übrigens ein Junge mit Böllern, um die Krähen (oder Raben) zu vertreiben, die es hier massenweise gibt. Die Biester sind recht groß und kommen in Formation angeflogen um einem das Essen vom Teller zu ziehen. Die sind glaube ich ziemlich schlau. Einmal habe ich gesehen, wie die einen Teller Pommes in nullkommanix abgeräumt haben, eine nach der anderen im Sturzflug. Lästig sind auch die vielen Hunde, gerade an einsamen Strandabschnitten hat man schon mal mehrere um sich, die einen etwas in Zange nehmen. Wahrscheinlich wollen die nur spielen, ab man weiß ja nie. Im Malibu hatte sich in der Nähe meines Zimmers eine Hundemama mit ihren zwei Welpen eingerichtet. Die beiden hatten vor allem morgens die Angewohnheit ganz jämmerlich zu quietschen, als ich sie mal näher in Augenschein nahm sah ich auch warum: Sie haben sich vermutlich gegenseitig am Rücken tiefe Fleischwunden beigebracht, sah ziemlich übel aus. Und da ich gerade beim Thema bin: Die jungen Katzen, die hier an den Tischen betteln, gehen gelegentlich auch ganz schön aufeinander los, und zwar mitten drin im Gewühl.

Das Essen in Benaulim ist wie schon für Jodhpur beschrieben unspektakulär, aber es gibt auch ein paar nette indische Restaurants und vor allem einige Läden, die einen passablen Kaffee anbieten, insbesondere ist das Café von Adam hervorzuheben, der außerdem noch sehr leckere Kuchen anbietet. An der Hauptkreuzung gibt es neben zwei Lebensmittelläden vor allem eine „German Bakery“, die augenscheinlich von Tibetern betrieben wird. Wobei zumindest das Brot mit deutscher Backkunst keine Schnittmenge hat, es ist krümelig und hat keinen Biss. Aber „German“ ist in Indien eh schon mal ein Verkaufsargument, und „German Bakery“ erst recht.

Im Zug nach Goa

Zunächst noch zur Anreise: Ich besteige den Zug nicht in Mumbai, sondern in Thane, dem Nachbardistikt, der gleich auf der anderen Seite des Highways beginnt. Ein echtes Beschwernis sind immer die Eisenbahnbrücken, die man überqueren muss, je nachdem wo man hin muss. Speziell Thane ist ein sehr unübersichtlicher Bahnhof und es gibt haufenweise Brücken und keine Hinweise, wo es langgeht. Zu den Eisenbahnbrücken kommen seit einigen Jahren noch Flyovers für Fußgänger, so eine Art frei in der Luft schwebende Gehsteige, die mit den Brücken verflochten sind. Nach etlichen Treppen mit meinem Gepäck rauf und runter lande ich schließlich schweißgebadet (es ist 22:30 und immer noch sehr warm) in der Haupthalle, wo ich mich über den korrekten Bahnsteig informieren muss. Noch mal zwei Treppen und ich bin endlich auf dem richtigen Bahnsteig. Indische Bahnsteige sind kein Hort der Freude, vor allem extrem siffig und auf den Gleisen betreiben teilweise Gestalten wie von einem anderen Planeten ihre Geschäfte, bei manchen hat man fast das Gefühl, sie leben auf den Gleisen, ihr äußerer Zustand lässt sich nur schwer in Wort fassen, so erbarmungswürdig ist er. Für die Züge gibt es je nach Zugtyp unterschiedliche Anzeigen, die diverse Nummern und Abkürzungen darstellen, man muss also erst mal wissen, welche Anzeige interessant ist, dann braucht man die Zugnummer und einen strategisch guten Platz, denn die Zugfolge ist sehr kurz hier in Thane und man erfährt daher erst kurz vor Eintreffen des Zuges, wo der reservierte Waggon steht. Leider sind die Ansagen immer häufiger nur in Hindi, früher waren zweisprachige Ansagen (Hindi/Englisch) Standard, sodass nun immer ein gewisser Zweifel bleibt, ob die Ansage nicht vielleicht doch relevant war. Da der Zug hier nicht startet, hält er nur kurz und entsprechend wird gedrängelt und geschubst. Da manche mit sehr viel Gepäck reisen und auch noch diverse andere Güter mit verladen werden, sind die Zugänge zu den Wagen schnell blockiert und es herrscht totales Chaos. Obwohl ich schon oft überzeugt war, es nicht rechtzeitig rein zu schaffen, bin ich doch bisher immer weggekommen. Hat man endlich seinen Sitzplatz erreicht, wird noch eine ganze Zeit rumrangiert, bis alle ihr Gepäck verstaut haben. Eigentlich darf man in diesem Waggons nur mit Reservierung reisen, aber die Kontrolleure zeigen sich bei der Entrichtung kleinerer Zuwendungen durchaus nachsichtig und so sind alle Gänge voll mit Leuten, die auf dem Boden schlafen, auch direkt vor den Klotüren. Und wer nicht mal eine Zugtoilette in Indien von innen gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, was das heißt.

In meinem Abteil reisen überwiegend Touris (Russen), die sich aber am nächsten Morgen auf verschiedene Orte in Goa verteilen. Normalerweise passen in Indien drei Leute nebeneinander auf eine Bank, in der Regel quetschen sich aber 4-6 Leute nebeneinander, da es oft voll ist. Wenn es nicht anders geht, gerne auch mal über- statt nebeneinander. Auf meiner Bank sitzen aber zwei dermaßen übergewichtige Goaner, dass ich nur noch mit Mühe neben sie passe (und ich habe schmale Hüften), was die beiden aber nicht besonders an ficht. So arbeiten wir die meiste Zeit von beiden Seiten gegeneinander, ich drücke meinen Körper von der einen Seite in die Bank hinein, die beiden drücken mich bei jeder Gelegenheit wieder raus – und sind dabei leider im Vorteil, sodass ich die Fahrt nur teilweise genießen kann.

In Madgaon (der Benaulim nächstliegende Bahnhof) steige ich aus, die Bahnhofsgegend hat sich seit dem letzten Mal 2013 baulich extrem verändert, gleich geblieben ist aber der Stress mit den Rikschafahrern, die für den Lift nach Benaulim ein kleines Vermögen verlangen und sehr hart verhandeln. Ich setze mich daher zu Fuß mit meinem Rollkoffer in Richtung Innenstadt in Bewegung, da ich weiß, dass hier nur kühles Desinteresse hilft. Nach kurzer Zeit fährt mir ein Motoradfahrer hinterher, der sich mein Gepäck auf den Lenker packt und mich auf den Rücksitz. Wie gesagt, in Indien wird Verkehrssicherheit nicht großgeschrieben, und wer von A nach B kommen will, muss schon mal was riskieren.

Benaulim

Anne ist mit bei der Anmietung eines Motorrollers behilflich, allerdings habe ich meinen internationalen Führerschein nicht dabei, und da gelegentlich kontrolliert wird, verzichte ich auf längere Ausflüge. Positiv kann man anmerken, dass das Ding fährt und so verbeult ist, dass es wohl nicht besonders auffällt, wenn ich mal wo gegen fahre (habe vorher noch nie auf einem Motorrad gesessen), was aber glücklicherweise nicht passiert. Ansonsten wackelt an dem Teil alles was wackeln kann, insbesondere die Rückspiegel, sodass ich nie weiß, was hinter mir passiert. Nach einer Woche habe ich aber genug davon, uns laufe lieber. Übrigens gehe ich auch in Benaulim alle paar Tage zum Barbier und lasse mich rasieren, schon weil es da so schön kühl ist. Das Vollprogramm dauert etwa eine halbe Stunde kostet 50 Rs (etwa 70 Cent). Kleiner Einschub: Selten bekommt man die sozialen Unterschiede so krass mit, wie an Touri-Orten. Ein Restaurantbesuch am Strand kostet inklusive nicht-alkoholischer Getränke bei einem einfachen vegetarischen Gericht etwa 400 Rs (knapp 6 Euro), trinkt man statt dessen ein Bier und bestellt frischen Fisch ist man schnell bei 900 Rs (knapp 13 Euro). Geht man stattdessen in Benaulim in ein einfaches indisches Restaurant, wird man schon für 70 Rs (1 Euro) satt. Kauft man sich Gemüse Obst und Brot selber, landet man im Eurocent-Bereich. Zurück zum Barbier. Vor mir ist ein junger Inder dran, der mit blankem Oberkörper vor einem großen Spiegel selbstverliebt posiert, der Friseur zwinkert mir zu und meint „sexy Indian body“ – da mag ich nicht widersprechen. Ich überlege trotzdem kurz, ob ich nicht auch mal kurz mein Hemdchen ablegen soll. Der junge Mann hat einen hauchdünnen Streifen Bart, der von einem Ohr übers Kinn bis zum anderen Ohr geht, da ist meines Erachtens kaum noch was zu optimieren, aber der Friseur hantiert mit Rasiermesser und Schere längere Zeit an ihm rum, ich habe aber nicht das Gefühl, dass er dabei irgendeinem Barthaar nahe kommt. Dann bin ich an der Reihe, der Barbier schäumt mich ein und schärft sein Rasiermesser, dabei schaut er intensiv auf den Fernseher, in dem gerade eine spannende Action-Szene aus einem Bollywood-Blockbuster läuft. Bevor er mir das Rasiermesser an die Kehle setzen kann bitte ich ihn herzlich, doch während des Rasierens aufs Fernsehschauen zu verzichten, was er dann auch großzügiger weise tut.

Beim Barbier

Beim Barbier

Am Strand die Szene, die wir schon von den letzten Besuchen her kennen, außer dass zumindest der südliche Strandabschnitt fest in russischer Hand ist, auch die shacks sind in kyrillisch beschriftet und die Bedienung hat so viel von der Sprache gelernt, dass sie sich gut mit den russischen Gästen verständigen kann. Für Alleinreisende finde ich es dieses Jahr noch schwieriger, Anschluss zu finden. Wird man mal angesprochen, braucht man idR nicht lange zu warten, bis das Gegenüber ein geschäftliches Anliegen vorbringt, meist Schmuck, Tücher oder DVDs. Wenn man sich drauf einlässt, dauert es relativ lange, bis man wieder seine Ruhe hat, sodass man irgendwann auf Ansprache kaum noch reagiert. Am aufdringlichsten sind die DVD-Verkäufer, im Schnitt wird man so alle 15-30 Minuten einmal angesprochen. Dabei dürfte es bei Westlern kaum noch einen Markt für optische Medien geben (die zumindest in Indien auch grundsätzlich Raubkopien sind und überwiegend nicht funktionieren). Übrigens ist es zumindest in Benaulim inzwischen recht leicht an eine SIM-Karte zu kommen, wenn man ein Passbild und Fotokopien von Reisepass und Visum hat, dauert es nur ein paar Minuten.

Auf diese Ketten aus Chilis und Zitronen trifft man allerorten, sie sollen Glück bringen

Auf diese Ketten aus Chilis und Zitronen trifft man allerorten, sie sollen Glück bringen.