Sonal

Indien, Februar und März 2013

Das Frauenprojekt Vacha

Dieser Text befasst sich mit Sonal Shukla, die im Frauenprojekt Vachha arbeitet, im Bombayer Stadtteil Vile Parle, nahe des Flughafens. Sabine und ich kennen Sonal schon seit vielen Jahren und schätzen ihr Arbeit sehr. Wann immer wir in Bombay sind, versuchen wir, ein Treffen mit ihr zu arrangieren. Auch dieses Jahr war ich, zusammen mit Birgit Gündner, bei ihr – es traf sich so, dass sie am selben Tag ihren 50ten Hochzeitstag feierte. Trotzdem ließ sie es sich nicht nehmen uns (wie immer) festlich zu bewirten – sie hat immer eine ganze Reihe besonderer Leckereien im Petto.

Auch Sonal’s Wurzeln liegen in der gandianischen Bewegung, sie arbeitete 16 Jahre in verschiedenen gandhianischen Instituten und kennt so die Innenperspektive genau. Was Sonal neben ihrem freundlichen und empathischen Wesen besonders auszeichnet, ist ihr freier, undogmatischer Geist – kein politisches Thema, mit dem sie sich nicht unvoreingenommen und kritisch auseinandersetzt.

Anfänge

Die Frauenorganisation Vacha wurde 1987 gegründet, einige der Gründungsmitglieder waren (wie Sonal) als Feministinnen aktiv in der indischen Frauenbewegung. Ein Hauptmotiv bei der Gründung war es, auch Frauen aus der Mitte der Gesellschaft die selber nicht feministisch waren, mitzunehmen. Eines der großen Probleme schien ihnen der mangelnde Zugang von Frauen zu Bildung – angefangen bei dem Umstand, dass viele Frauen nicht lesen und schreiben konnten bis zu der Tatsache, dass 90% des gedruckten Materials in englischer Sprache verfasst sind, was vielen Frauen den Zugang ebenfalls erschwert. Der Name Vacha bedeutet wörtlich („Artikulation“ oder „Sprache“), es ging den Gründerinnen also darum, dass Frauen sich z.B. per Literatur umfassend informieren konnten, aber auch lernten, ihre Bedürfnisse verbal zu artikulieren.

Der Schwerpunkt lag daher anfangs im Aufbau einer Bibliothek zu frauenspezifischen Themen. Nach sieben Jahren war diese so gewachsen, dass sich Vacha einen neuen Standort suchen musste, schließlich konnten sie Räume in einer städtischen Schule beziehen – was auch dazu führte, dass Vacha viel intensiver als vorher junge Mädchen (und auch Jungen) aus ärmeren Familien in ihre Arbeit einbezog. Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit waren vor allem öffentliche Aktionen, der Aufbau eines Kulturzentrums für Frauen, interaktives Geschichtenerzählen („story telling“ ist in Indien Tradition), Straßentheater und -performance und die Produktion von Musik und Dokumentation u.a. zum Thema der Beteiligung von Frauen an der indischen Unabhängigkeitsbewegung.

Obwohl der Schwerpunkt von Vacha in der Förderung von Mädchen und jungen Frauen liegt, werden auch Jungs mit einbezogen. Ein Grund dafür ist, dass (auch in ärmeren Familien) Mädchen gegenüber Jungs in allen Belangen benachteiligt werden, also z.B. in Bezug auf Bildung, gesundheitliche Versorgung und Ernährung. Außerdem will Vacha Jungs schon früh durch bestimmte Bildungsangebote dazu bringen, sich über sexistische Verhaltensweisen klar zu werden, laut Sonal klappt das auch ohne erhobenen Zeigefinger sehr gut.

Arbeit in den Slums

Ein weiterer Schwerpunkt von Vacha liegt in der Slumarbeit, aktuell ist Vacha in 15 verschiedenen Slums aktiv. Zum Hintergrund: Von den etwa 15 Millionen Einwohnern Bombays leben nach Schätzungen über 50% in Slums. Vacha will die Mädchen und jungen Frauen in den verschiedenen Gemeinschaften, die in den Slums leben, öffentlich sichtbar machen und sie dazu ermutigen, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen.

Beispiel: In Indien gibt es für ärmere Familien das System der „ration cards“, das sind Ausweise, die dazu berechtigen, bestimmte Güter wie Getreide, Reis und Kerosin zu verbilligten Preisen zu beziehen. Leider ist die Ausgabe dieser Güter auf ration cards sehr stark von Unterschlagung und Korruption geprägt. Die Ausgabestellen tauschen einfach das hochwertige Getreide gegen minderwertiges aus. Das minderwertige wird zum vorgegebenen Preis ausgegeben, das hochwertige unter der Hand umgeschlagen, der Gewinn wandert in die Taschen der Leute, die in den Ausgabestellen arbeiten und in die von korrupten Beamten und Politikern. Frauen, die sich darüber beschweren, werden bedroht und zum Teil sogar verprügelt.

Vacha informiert die Frauen, wie sie sich wirkungsvoll dagegen wehren können, z.B. in dem sie nach dem Beschwerdebuch („complain book“) fragen, das jede Ausgabestelle auf Verlagen aushändigen muss. Falls das zu keiner Verbesserung führt, interveniert Vacha auch direkt bei den lokalen Führungspersönlichkeiten.

Wichtig dabei ist, dass die Slums bei den Wahlen wichtige „vote banks“, d.h. zahlenmäßig wichtige Wählergruppe darstellen. Daher sind die Parteien in den Slums sehr aktiv, was bedeutet, dass alle wichtigen Personen in den Slums für irgendeine Partei arbeiten. Dafür genießen sie diverse Privilegien, haben z.B. die besten Häuser innerhalb und teilweise auch außerhalb der Slums. An diesem Hebel versucht Vacha anzusetzen, wobei sie darauf achten müssen, sich von den Parteien nicht politisch instrumentalisieren zu lassen. Eine interne Organisation oder Selbstverwaltung der Slumbewohner gibt es darüberhinaus kaum – wenn, dann eher innerhalb der Religionsgemeinschafte und Kasten.

Wobei das Ganze durch die in den Slums vorhanden mafiösen Strukturen nicht leichter wird. Außerdem sind viele Slums illegal, d.h. die SlumbewohnerInnen müssen jederzeit damit rechnen, geräumt zu werden. Viele kommen aus Dörfern und denken eher konservativ, so dass es schwierig, ist das traditionelle Rollenverständnis aufzubrechen. Die Frauen aus ärmeren Schichten kämpfen an so vielen Fronten gleichzeitig, dass sie es oft müde sind, sich zu wehren. Vacha ermutigt sie dabei, nicht aufzugeben und gewaltfrei und auf lange Sicht hin zu handeln.

Sonstige Aktivitäten

Zu den Aktivitäten von Vacha kommen eine Reihe von Bildungsangeboten, z.B. Englischunterricht für Frauen, zum einen um den schon angesprochenen Zugang zur englischsprachiger Literatur zu ermöglichen, aber auch weil aus diversen Gründen viele Verwaltungsvorgänge und Dienstleistungen das Beherrschen der englischen Sprache voraussetzen. Weitere Bildungsangeboten informieren die Frauen über ihre staatsbürgerlichen Rechte, über das Angebot an lokalen Resourcen und es gibt Unterricht im Umgang mit Foto- und Videokameras und Computern, sodass die Mädchen und jungen Frauen Newsletter schreiben und Dokumentationen und Ausstellungen zu ihrem Lebensalltag produzieren können, deren öffentliche Präsentation regelmäßig Aufmerksamkeit auf sich zieht und das Selbstbewusstsein der Mädchen stärkt – und ihr Interesse an kreativen Aufgaben weckt.

Wer sich als Touristin oder Reisende mal abseits der gut ausgebauten Routen bewegt, ist ziemlich schnell mit einem durchgehenden Problem konfrontiert: Für Frauen gibt es in den seltensten Fällen öffentliche Toiletten, was ihren Aktionsradius einschränkt. Eine der vielen Kampagnen von Vacha engagierte sich daher für den Bau von Frauenklos, nicht nur aber vor allem in den Slums.

Ein weiterer Schwerpunkt von Vacha sind Beratungsangebote – insbesondere Sexualberatung und Sexualkunde in der Schule. Vacha steht den sexuellen Bedürfnissen junger Frauen frei von moralischen Bedenken und offen gegenüber, aber Indien ist in dieser Hinsicht noch sehr konservativ. Während Jungs in dieser Beziehung weitgehend frei agieren können, werden Mädchen in dieser Beziehung sehr eingeschränkt – selbst die Kontrolle ihrer persönlichen Habe (z.B. Taschenkontrolle auf Verhütungsmittel) ist nicht unüblich, ebenso gibt es wegen der meist beengten Wohnverhältnisse kaum die Möglichkeit, mit Jungs alleine zu sein. Allgemein wird von jungen Frauen erwartet, ihrer ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht in der Ehe zu machen.