Nargol

Indien, November 2015

Michael, Swati, Anand, Daniel berichten

Wie schon an verschiedenen Stellen in diesem Blog dargestellt, verbindet Sabine und mich eine seit vielen Jahren bestehende enge Freundschaft mit Daniel, der in Mumbai ein Friedenszentrum betreibt (das „Sarvodaya Friendship Center“), seinen beiden Söhnen Michael und Anand und seiner Schwiegertochter Swati. Die drei letztgenannten sind seit Ende der 80ger Jahre in Gujarat (im Westen Indiens) auf vielfältige Weise im Umweltschutz, Schutz von Indigenen und Mobilisierung von Farmern aktiv. Immer wenn Sabine und ich nach Indien fahren, ist ein Besuch in Gujarat einer der Schwerpunkte unserer Reise. Dieses mal haben wir uns für ein paar Tage in ein Ressort in der Nähe von Nargol zurückgezogen, um uns in Ruhe mit Daniel, Michael, Swati und Anand austauschen zu können. Dabei haben wir viele interessante Details zu ihren laufenden Aktivitäten erfahren und wie es bei ihnen privat zugeht. In diesem Blog gehe ich schwerpunktmäßig auf ihre Arbeit ein und streife private Themen nur soweit sie dafür relevant sind. Für die FreundInnen in Deutschland besteht aber die Möglichkeit, mich per Email zu kontaktieren und schicke ihnen gerne ein update zu ihrer persönlichen Situation.

Von Links nach rechts: Swati, Anand, Hansa (Daniels Frau, gest. 2013) und Michael

Von Links nach rechts: Swati, Anand, Hansa (Daniels Frau, gest. 2013) und Michael


Michael

Michael und zeitweise auch seine Frau Swati leben nach wie vor schwerpunktmäßig in Mozda, einem Adivasi-Dorf in Gujarat. Adivasis sind die Indigenen Indiens und werden auf vielfältige Weise durch die Entwicklung Indiens in den letzten Jahren bedroht. Mozda liegt innerhalb eines Natur-Reservats, in dem grundsätzlich nur Adivasis siedeln dürfen – Michael und Swati bilden eine Ausnahme. Sie arbeiten mit dem sogenannten „Mozda-Collective“ zusammen, eine Team von Adivasis die von Michael und Swati in den letzten fast 30 Jahren zur Durchführung von speziellen Umweltschutz- und Entwicklungs-Programmen ausgebildet wurden. Dazu gehören Maßnahmen zu besseren Nutzung des Wassers („watershed“), einkommensgenerierende Maßnahmen (insbesondere für Frauen), regelmäßige Trainings und Workshops (hier insbesondere für Jugendliche), Mobilisierung der Farmer, Nachhaltigkeitsprogramme wie den Einsatz von Windkraft-Anlagen, Solarkochern und auf Solartechnik basierende Stromaggregate, Gesundheitsprogramme und viele andere Aktivitäten. Falls möglich werde ich auf einige dieser Aktivitäten in diesem Blog noch zurückkommen.

Michael erzählt, dass die Arbeit in Mozda gut läuft und die Programme (siehe diesbezügliche Texte in diesem Blog) der letzten Jahre fortgeführt und ausgebaut werden. Die Solartechnologien und die Windkraftanlage haben sich bewährt, das Haus von Michael und Swati produziert mehr Strom als es es selbst verbraucht, ist also in dieser Hinsicht autonom. Dies ist das Ergebnis vieler Jahre Entwicklung, insbesondere was die Windkraftanlage betrifft, die aus einfachen überall erhältlichen Teilen konstruiert und auf Nachhaltigkeit hin optimiert ist. Auch die watershed-Programme laufen sehr gut, sie werden mittlerweile vollständig vom Mozda-Collective autonom durchgeführt. Für die Errichtung der „Bunds“ (Steinwälle gegen Bodenerosion) werden jedes Jahr etwa 80 Tonnen Reis als Ausgleich für die geleistete Arbeit an de Farmer verteilt.

Michael ist außer in Mozda in vielfältigen Kampagnen aktiv und hat seit einigen Jahren einen festen Job beim GGF (Green Grant Fund) für den er als Schnittstelle zu Projekten fungiert, die evtl. für eine Förderung in Frage kommt. Diese Tätigkeit kann er überwiegend von Mozda aus machen, in gewissem Umfang muss er auch kreuz und quer durch Indien reisen und ist auch mehrmals im Jahr international unterwegs. Für die Kampagnen und seinen GGF-Job ist Michael zusammen etwa 15 Tage im Monat unterwegs, allerdings stark schwankend. Da es in Mozda nur eine sehr mäßige Internet-Verbindung gibt (über ein an einer 20 Meter hohen Baumbusstange heraufgezogenes Handy), verbringt er jeden Abend im Schnitt 4 Stunden im nahe gelegenen Dediapada um dort alles zu tun, für das er Internet braucht oder telefonieren muss. Bei unserem Besuch in Mozda dieses Jahr, habe ich ihn öfters mal bei solchen Gelegenheiten begleitet, Michael stellt sich mit seinem Auto dabei auf den höchsten Punkt den Umgebung, packt sich seinen Laptop auf den Schoß und verteilt um sich herum diverse Telefone um online zu gehen oder zu telefonieren.

Ein aktueller Schwerpunkt seiner Arbeit betrifft den Ersatz von fossilen Brennstoffen (Kohle, Diesel, Benzin) durch Solarenergie. Bislang benutzen Jayenti und Virsing vom Mozda-Collective Dieselmotoren, um ihre Felder zu bewässern, sie haben aber aus Kostengründen an einem Wechsel Interesse. Die Preise für Solarpaneele sinken, und Bewässerungssysteme mit Pumpen auf Basis von Sonnenenergie kommen in den Bereich der Wirtschaftlichkeit. Michael recherchierte die Preise fertiger Pumpen, die niedrigsten Angebote lagen zunächst bei 170000 Rs (etwa 2400 Euro) das Stück, viel teurer als sie nach Michaels Kalkulation aufgrund der verwendeten Bauteile hätten sein sein sollen – was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass die Technologie noch weitgehend einen Nischenmarkt bildet und die Profite dabei sehr hoch sind. Schließlich konnten sie die Preise für einzelne Pumpen auf 85000 Rs (1200 Euro) drücken, bei Stückzahlen von 20 sogar auf 65000-70000 Rs (930 bis 1000 Euro) das Stück. Die Pumpen wurden mit großem Erfolg eingesetzt, Virsing konnte durch ihren Einsatz trockenheitsbedingte Ernteausfälle von etwa 50% vermeiden.

Von diesen Erfahrungen ausgehend wird nun der Einsatz von Solarpumpen bei der Salzgewinnung in der Salzwüste von Gujarat evaluiert. Michael fragte bei der Frauengewerkschaft SEWA (Self Employed Women Association Union) mit Sitz in Ahmedabad an, mit zwei Millionen Frauen die größte Einzelgewerkschaft für Frauen in Indien. Für dieses Jahr ist die Anschaffung von 700 Solarpumpen geplant, nächstes Jahr sollen 2000 weitere dazu kommen. Das Projekt war über das rein technische eine ziemliche Herausforderung, die Geldgeber verlangten eine Menge Papiere und insbesondere Anträge, Zertifikate und Belege für jeden einzelnen Farmer, was Michael und sein Team letztlich fristgemäß umsetzen konnte, d.h. es sieht nach einem Erfolg aus.

Ein anderes Projekt zielte auf eine Schule 40 km vor Bengalore ab, dort trainierte Michael alle Schüler über 16 Jahre in der Herstellung von LED-Leuchten. Am Ende des Projekts standen so etwa 200 Leuchten zur Verfügung, was für die Komplettbeleuchtung der Schule ausreichte. Michael hatte etwas Sorge, da es in der Gegend viele Gewitter gibt und die LED-Technik darauf empfindlich reagiert, aber im zurückliegenden Jahr kam es zu keinen größeren Ausfällen, sodass auch dieses Projekt ein Erfolg war. Die selben Schüler nahmen im übriger später an einem 10-tägigen Workshop in Mozda teil.

Für die nähere Zukunft sieht Michael seinen Schwerpunkt im Abschluss des Projekts mit den Solarpumpen und der Instandhaltung seiner Windkraftanlage, ansonsten das übliche Alltagsgeschäft, wie in diesem Blog beschrieben.

Soweit es Michaels Gesundheit betrifft, gibt es einerseits positive Nachrichten, seine Diabetis hat sich deutlich verbessert sodass er wohl künftig auf Medikamente verzichten kann. Leider hatte er Mai/Juni wieder ein Malaria-Anfall, was bei Michael inzwischen Routine ist, da sich die Malaria bei ihm festgesetzt hat und er im Schnitt jedes Jahr einmal damit zu tun hat. Während ich diesen Bericht schreibe (Anfang Dezember) hat es Michael allerdings wieder erwischt, und er kuriert zur Zeit in Mozda seine zweite Malaria-Attacke dieses Jahr aus.


Swati

In diesem Jahr gab es noch weniger Regen als schon in den vergangene Jahren, und entsprechend große Ernteausfälle, was viele Farmer in große Schwierigkeiten bringt. Anmerkung von mir: Wir haben zu diesem Problem dieses Jahr von allen Seiten Berichte bekommen, es scheint also aktuell besonders schlimm zu sein. Schon seit Jahren (Swati spricht von den letzten 5-7 Jahren) kommt der Monsoon in Indien immer unregelmäßiger und die Entwicklung wird immer dramatischer, sodass die Prognosen für die kommenden Jahre ausgesprochen schlecht sind. Der Großteil der indischen Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Da aber landwirtschaftliche Produkte in Indien überwiegend für den Eigenbedarf oder zum Tauschen produziert werden und somit nicht in den Markt kommen, werde sie offiziell nicht zum Bruttoinlandsprodukt gerechnet und bei der Betrachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage Indiens allgemein unterschlagen, sodass sich die aus der Trockenheit für einen Großteil der indischen Bevölkerung ergebenden Probleme sowohl bei der indischen Mittelklasse, den politischen Etagen Indiens und vor allem auch international zu wenig Beachtung erfahren.

Swati und das Mozda-Collective konzentrieren sich hier auf Aktionen im Umfeld von Mozda und haben in zweien der umliegenden Dörfern im Rahmen einer Befragung der Farmer eine Bestandsaufnahme erstellt, deren Auswertung wir bei unserem Besuch in Mozda im November mitverfolgt haben, dazu werde ich ggf noch im Detail was schreiben. Auf jeden Fall hat das Mozda-Collective bei dieser Untersuchung viel über die Problemlage der Farmer und vor allem der bei ihnen beschäftigten Landarbeiter gelernt. Soweit es konkrete Hilfsmaßnahmen betrifft, liegt hier der Schwerpunkt auf der langfristigen Perspektive, die die betroffenen Farmer aus verständlichen Gründen weniger im Blick haben. Diese langfristige Perspektive zu entwickeln sieht Swati gegenwärtig als größte Herausforderung. Dort wo es nötig wird, gibt es aber auch kurzfristige Angebote, damit die besonders hart Betroffenen die nächsten Monate überbrücken können, insbesondere per Arbeitsbeschaffung (z.B. Errichtung von Bunds – s.u.), wofür die Betroffenen in Getreide kompensiert werden.

Gesundheitlich geht es Swati gut, die Asthma-Saison (September bis November) ist inzwischen durch. Da ihre Eltern mittlerweile durchgehend Betreuung brauchen, hält sich Swati überwiegend in Baroda auf und kommt nur tageweise nach Mozda. In Baroda arbeitet Swati auch für ihren Job bei der Bewegungszeitung „Bhumiputra“.


Daniel

Daniel

Daniel

Im November ist es zwei Jahre her, dass Daniels Frau Hansa gestorben ist, zu ihrer Person und ihrer spannenden Biografie als gandhianische Aktivisten siehe den Beitrag in diesem Blog. Daniel ist mittlerweile 80 Jahre alt und er betreibt bei guter Gesundheit das „Bombay Sarvodaya Friendship Center“ (BSFC) in Mulund / Bombay weiter. Da er nicht mehr so mobil ist wie früher, hat er den Fokus schwerpunktmäßig auf Arbeiten, die er am Computer erledigen kann. Er pflegt nach wie vor vielfältigste internationale Kontakte und versorgt diese elektronisch mit aktuellen Informationen zur Lage in Indien, organisiert die Finanzen für das BFSC und daran angeschlossene Projekte, und trifft sich last not least mit seiner Gruppe gandhianischer Aktivisten im Shant-Ashram downtown. Vor wenigen Tagen wurde er als Vorsitzender („chairman“) eines weiteren Trusts gewählt, womit wohl im wesentlichen repräsentative Funktionen verbunden sind, denn vor Ort kann er wohl kaum viel Zeit verbringen.

Daniel ist vor allem wegen der zunehmenden Einflussnahme von fundamentalistischen Hindus auf die indische Gesellschaft besorgt. Er fühlt sich dabei deutlich an den deutschen Faschismus erinnert (Anmerkung von meiner Seite: Diese Analogie ist tatsächlich naheliegend, dazu gelegentlich mal mehr). Insbesondere bekümmert ihn, dass die politische Linke bzw. die Sarvodaya-Aktiven dieser Herausforderung scheinbar machtlos gegenüber stehen, sehr deutlich wird ihm das auch in seiner eigenen Gruppe. Übrigens jährt sich am 15.11. die Hinrichtung des Gandhi-Attentäters Nathuram Vinayak Godse im Jahr 1949, der von vielen rechten Hindus als Martyrer betrachtet wird. Dieser Tag wird von daher in den letzten Jahren von den radikalen Hindus regelmäßig mit viel Spektakel zelebriert. Hier würde Daniel sich wünschen, dass die Linken in Indien dagegen mobilisieren. Hoffnung macht Daniel die jüngste Aktion der Künstler, Schriftsteller und Akademiker, die nach den jüngsten Morden ihre Preise und Auszeichnungen zurück geben (siehe den Text zu den Rationalistenmorden in diesem Blog), das hat seiner Meinung nach die BJP-Regierung ziemlich angegriffen.

Ein weiterer Prüfstein war aus seiner Sicht die Wahl in Bihar im Osten Indiens im November 2015. Anmerkung von mir: Die Wahl ist inzwischen gelaufen und die BJP ist total untergegangen. Die Wahl war vor allem auf Modi zugeschnitten und die Niederlage wird ihm deshalb persönlich zugerechnet. Aus diesem Anlass probte die seit einiger Zeit kaltgestellte Garde der BJP-Veteranen den Aufstand, und ging Modi sehr hart an, was nach der Wahl tagelang die Nachrichtenlage in Indien beherrschte. Es besteht also Hoffnung für die Nationalwahlen 2019. Wobei Daniel die berechtigte Frage stellt, wo die politische Alternative in Indien herkommen soll. M.M Singh, der Regierungschef vor Modi von der Kongresspartei verfolgte einen nicht minder desaströsen Wirtschaftskurs für Indien, Kongress selber steckt bis zum Hals im Korruptionssumpf. Die großen Hoffnungen auf die AAP (die Anti-Korruptionspartei) haben sich leider nicht erfüllt, sie hat lediglich in Dehli eine nennenswerte Machtposition errungen.


Anand

Nach den letzten Wahlen in Indien, durch die Modi Regierungschef wurde, verfiel die Linke in Indien in eine Art Schockstarre. Anand sieht die Gegner der hindufundamentalistischen BJP seit der Wahl in der Defensive, aus der sie sich erst wieder herausarbeiten müssen. Angesichts der allgemeinen Euphorie nach Modis Sieg, hielt er es auch bislang nicht für strategisch klug, sofort eine größere politische Offensive zu starten. Er glaubt aber, dass diese Euphorie nicht lange anhält, da hat er angesichts der aktuellen Entwicklung wohl recht, denn Modi konnte sein Versprechungen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Indien und auch zur Armutsbekämpfung bisher nicht einlösen. Im Augenblick sieht Anand, dass sich diese Erkenntnis auch in der breiten Bevölkerung beginnt durchzusetzen und dass es nun nötig ist, die strategische Diskussion innerhalb der Linken neu zu beleben. Maßgabe für neue Initiativen muss es aber sein, dass sie mit Augenmaß erfolgen, sodass sich die Situation für die eh schon seit Modis Amtsantritt unter Druck stehenden Minderheiten Indiens nicht noch verschlechtert. Anand berichtet außerdem über die Entwicklung in seinem engerem politischem Umfeld, wo es auf personeller Ebene wohl einige Rückschläge gab, auf die ich hier nicht im Detail eingehen kann.

Gesundheitlich geht es Anand leider nicht so gut, zu seinen Problemen der letzten Jahre kommen nun auch Rückenprobleme, die seine Mobilität stark einschränken. Er konzentriert sich daher im Augenblick auf seine Studien zur Gewaltfreiheit und den theoretischen Grundlagen alternativer Politikansätze. Ein konkretes Aktionsfeld ist z.B. das in Gujarat verlegte politische Magazin „Bhumiputra“, für das u.a. Swati arbeitet. Wegen seiner klaren Haltung zu den Ereignissen in Godhra (siehe die ausführliche und differenzierte Dokumentation im englischen Wikipedia) verlor Bhumiputra viel Unterstützung bei den Hindus, die Auflage sank seit dem um 30%. Swati steht hier in dem Konflikt, die Balance zwischen politischer Glaubwürdigkeit und Diplomatie zu finden und insbesondere die einschlägigen Akteure in Gujarat nicht vor den Kopf zu stoßen. Anand berichtet auch von einigen Workshops mit Jugendlichen, die er sehr positiv fand. Bei NAPM sieht Anand die Notwendigkeit für einen Generationswechsel, er selber habe „auf dem Rücksitz platzgenommen“, sagt er. Zu weiteren Details zu Anands Ausführungen gebe (insbesondere zu seiner Gesundheit, zur Zukunft des BSFC in Mulund und Rajpipla und anderer Trusts – und der personellen Entwicklung bei PSS) ich gerne auf privater Ebene Auskunft.

Hansa beim Verspinnen von Baumwolle

Hansa beim Verspinnen von Baumwolle