Mozda

Indien, Februar und März 2013

Alternative Technologien in Gujarat

Auch dieses Jahr war ich wieder in dem Adivasi-Dorf Mozda in Gujrat, diesmal in Begleitung von Birgit Gündner. Zur Kerntruppe des Mozda-Teams gehören gegenwärtig (wie schon seit Jahren) Ishwar, Jayenti und Virsing, neu dabei ist Sunil. Alle vier kommen aus dem Adivasi-Dorf Mozda. Adivasis sind die eigentlichen Indigenen (Urbewohner), die wie alle Indigenen weltweit stark marginalisiert werden und entsprechend unter Druck stehen. Die Arbeit hier vor Ort ist Teil des abgestuften Konzepts von Michaels Umweltschutzgruppe – hier die Arbeit auf der lokalen Ebene, parallel zuüberregionale Aktionen (wie die zur Zeit laufende Kampagne gegen das Atomkraftwerk in Bhavnagar) und eine sehr lebendige Vernetzung mit Aktionsgruppen auf nationaler und internationaler Ebene. Sarvodaya (siehe Text zu Hansa) in der Tradition Gandhis, allerdings sehr beweglich und den Bedürfnissen dieser Zeit entsprechend.

mozda collective

Ishwar, Jayenti und Virsing vom mozda collective

Gleich bei der Ankunft fällt auf, dass das Haus nach den diversen Erweiterungen der letzten Jahre wieder wesentlich größer geworden ist, mittlerweile ist ein großer Teil des Grundstücks überdacht, außerdem gibt es nun Gästezimmer mit eigener Küche, ein Büro und diverse Toiletten und Badezimmer. Letztere sind im Gegensatz zu dem restlichen Bau (der nach wie vor traditionell aus geflochtenem Bambus besteht, der mit Kuhdung/Lehm verputzt wurde) aus Stein gemauert, nach Auskunft von Michael, weil das einfacher sauber zuhalten ist. Die neuen Badezimmer sind barrierefrei, sodass sie ggf auf per Rollstuhl benutzt werden können – falls sich z.B. Hansa und Daniel mal entscheiden sollten, nach Mozda umzuziehen. Außerdem haben nun alle Badezimmer und Toiletten fließendes Wasser, d.h. die Eimerschlepperei früherer Jahre entfällt.

Der nun ebenfalls überdachte Vorplatz wird durch Stützmauern eingefasst und angeschüttet, sodass eine ebene Arbeitsfläche entsteht, die für die vielfältigen Gemeinschaftsprojekte gebraucht wird. Alles in allem also ein ziemlicher Sprung nach vorne, vor allem im Vergleich zu den Anfängen vor 23 Jahren, als Michael und Swati noch in einer anderen, viel kleineren Hütte wohnten aus der sie dann nach 5 Jahren in diese hier umzogen.

Mozda Solarcooker

Der Solarkocher in Mozda

Parallel zu den Erweiterungen wuchs auch die Vielfalt an Projekten, die hier untergebracht sind. Seit vielen Jahren schon produziert hier eine Frauenkooperative Dal aus „pigeon peas“ (eine Erbsen- oder Linsensorte, die sehr anspruchslos ist), wobei die Schale entfernt wird und die Linsen durch ein mechanisches Verfahren gesplittet werden. Im Ergebnis sind sie durch die Verarbeitung schneller zu kochen und können damit zu einem höheren Preis vermarktet werden. Der Hintergrund ist, dass die ansässigen Männer zwischendurch auch mal weiter weg ihr Geld verdienen können, den Frauen hier ist das nicht möglich, weil sie sich um Haus und Kinder kümmern müssen. Die Dal-Kooperative ist für die Adivasi-Frauen eine pragmatische Alternative, um sich mit Bargeld zu versorgen. Dieses brauchen sie vor allem, um Güter oder Dienstleistungen zu bezahlen, die sie nicht wie sonst hier allgemein üblich gegen die von ihnen produzierten landwirtschaftlichen Produkte eintauschen können.

Andere Projekte sind die Herstellung von Solarkochern nach einem Konzept von Wolfgang Scheffler aus Deutschland, wobei ein (mit einfachen Mitteln hergestellter) Parabolspiegel das Sonnenlicht in einem Brennpunkt bündelt, in dem sich die Kochstelle befindet. Der Spiegel wird ähnlich wie bei einer Pendeluhr durch ein Gewicht (große Steine), das diverse Zahnräder in Gang hält, dem aktuellen Sonnenstand nachgeführt. Innerhalb und außerhalb von Mozda sind bislang mehrere dieser Solarkocher aufgestellt worden.

Außerdem werden hier einfache Windräder zur Stromgewinnung hergestellt, wobei deren Entwicklung ständig voranschreitet. Ziel ist es vor allem, dass diese möglichst wartungsfrei sind und mit lokalen Resourcen hergestellt werden können. Eine weitere Art der Stromgewinnung sind die Solarpanele auf dem Dach. Der Strom von den Windrädern und den Panelen wird in großen Akkus zwischengespeichert und zur Beleuchtung genutzt (LED-Technik), sowohl im Haus selber als auch im Dorf – wobei dafür kleinere (mobile) Akkus eingesetzt werden. Da der Strom (wie überall im ländlichen Indien) die meiste Zeit ausfällt, ermöglicht diese Beleuchtung den Dorfbewohnern länger in den Abend hinein zu arbeiten. In der Werkstatt gibt es übrigens alles, was zur Metallbearbeitung gebraucht wird, also z.B. Geräte zum Schweißen und Trennen, Kompressoren, Generatoren usw.

Seit vielen Jahren werden außerdem Selbsthilfemaßnamen der umliegenden Farmer gegen Bodenerosion gefördert („watershed work“). Dabei werden in Senken Stützmauern („bunds“) errichtet, hinter den sich im Monsun das Erdreich sammelt, das dann später als fruchtbarer Ackerboden bewirtschaftet werden kann. Als Anreiz bekommen die Farmer je Tonne bewegter Steine ein Äquivalent in Reis und Linsen (pro Jahr bis zu 80 Tonnen), all das wird hier über das Mozda-Team abgewickelt.

Der Platz vor dem Haus wird außerdem für die Versorgung von kleineren Verletzungen und leichten Krankheiten und vor allem als Versammlungsplatz für die vielen camps, die hier statfinden, genutzt. Neben den öffentlichen Versammlungen, Schulungen und Lehrgängen, die hier stattfinden gibt es auch viele private Gäste aus der ganzen Welt, die Mozda besuchen. Im Jahr kommen so laut Michael über 500 Besucher zusammen.

Auf dem Grundstück wachsen übrigens über 100 Bäume jeder Art, viele müssen durch Bambusgitter speziell vor den Ziegen geschützt werden. Dazu kommt die Kultivierung von Bambus, der als Baumaterial unentbehrlich ist, etwa 100 Bambusstangen werden pro Jahr geerntet (nachdem diese etwa 4 Jahre Zeit zum wachsen hatten).

Küche Mozda

Die Küche in der Hütte von Michael und Swati