Mozda / Gujarat

Mozda, 13.-19.1.2012

Leben ohne Geld

Inzwischen sind Thoralf und ich in Gujarat angekommen, Michael hat uns morgens früh in Ankleshwar abgeholt, einem kleinem Bahnhof direkt an der Mündung des Narmadas in den indische Ozean. Michael bringt uns mit seinem PKW nach Mozda, einem kleinem Adivasi-Dorf in einem Naturschutzgebiet, wo er mit seiner Frau Swati lebt. Adivasis sind Indigene, die ähnlich wie die Dalits (Kastenlosen) am Rande der indischen Gesellschaft leben und einen Gürtel besiedeln, der sich quer durch ganz Indien zieht. Adivasis leben relativ ursprünglich in einfachen Hütten aus Bambusmatten, die mit einem Putz aus Kuhdung und Lehm abgedichtet werden, die ganze Konstruktion ruht idR auf Stämmen aus Teak, einem der teuersten Hölzer die es gibt und das sie sich aus den Wäldern besorgen. Die Adivasis bewohnen ihr Gebiet zwar schon seit Urzeiten, haben aber nur informelle Rechte an ihrem Land.

Zur Zeit läuft gerade ein Prozess, die Rechte an ihrem Land auch schriftlich niederzulegen, allerdings stehen dem diverse andere Interessen (z.B. am Teak), Korruption und die industrielle Ausbeutung ihrer Ressourcen entgegen, da kann man den Adivasis nur in ihrem Bemühen unterstützen, dass sie ihre Rechte geltend machen können.

Michael und Swati haben beide eine akademische Ausbildung genossen und sind Anfang der 90ger nach Mozda gezogen, um sich für die Interessen der Adivasis einzusetzen – wobei sie einen sehr behutsamen, minimal invasiven Entwicklungsansatz verfolgen und sich in ihrer Lebensweise, Sprache und Umgang mit Ressourcen soweit es geht den Adivasis anpassen. Dort wo sie auf neue Technologien setzen (z.B. Solarpanels und Windkraftanlagen) wirken die im Wesentlichen darauf hin, dass die Adivasis diese selber aufbauen und unterhalten können, daher hat sich um Michael und Swati eine Gruppe (das „Mozda-Kollektiv“) gebildet, die intensiv trainiert wird und inzwischen die meisten von Michael und Swati angeregten Projekte selbständig fortführen.

Mozda selber ist ein Dorf, dass sehr stark vom Ackerbau geprägt wird, die Adivasis hier leben hauptsächlich von dem, was sie selber mit ihren Händen herstellen: Getreide, Hülsenfrüchte, Milch, zur Moonsoon-Zeit auch etwas Gemüse und Obst. Das bedeutet vor allem, dass Geld bei Adivasis nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auch wenn Sachen gebraucht werden, die sie selber nicht herstellen können, wie Werkzeuge, Mühlsteine u.ä. werden diese von den Adivasis oft eingetauscht, anstatt sie mit Geld zu bezahlen. Auch bei den Gemeinwohl-Projekten, die das Mozda-Kollektiv durchführt (z.B. Wasserschutzmaßnahmen), werden die teilnehmenden Farmer idR in Naturalien (z.B. Reis) entlohnt. Natürlich bleibt auch Mozda nicht von der allgemeinen Entwicklung verschont, es gibt Migration, die Menschen wollen Dinge, die man nur für Geld bekommt kann (z.B. Unterhaltungselektronik). Das spielt vor allem dann eine Rolle, wenn die Menschen in Mozda größere Erträge erzielen, als sie unmittelbar verbrauchen oder zumindest für den mittelfristigen Bedarf speichern können. So sehr man es den Menschen gönnen mag, hat die Entwicklung in Richtung Geldwirtschaft ihre Schattenseiten und man versucht die negativen Folgen durch die Förderung von Gemeinwesen-Projekten (die z.B. der Tendenz zur Migration entgegen wirken) etwas zu mildern.

Kleiner Einschub: Ökonomie in Indien im Allgemeinen. Um die traditionell kleinteilige Wirtschaft in Indien verstehen zu können ist es erwähnenswert, dass Indiens politisches System in der Zeit nach seiner Unabhängigkeit zunächst durchaus sozialistische Grundzüge hatte, die Wirtschaft war weitestgehend geschlossen, die Währung (Rupien) nicht frei konvertierbar, Grundnahrungsmittel etc wurden subventioniert, Eigentum unter dem Vorbehalt einer Verpflichtung gegenüber der Allgemeinhalt betrachtet. Erst ab Anfang der 80er hat sich Indien zunächst langsam, dann allerdings mit immer größerem Tempo von diesen Prinzipien verabschiedet, was unter anderem der Heranbildung einer starken Mittelschicht (middle class) geschuldet war. In der Folge entfernte sich die wirtschaftliche Situation der gesellschaftlichen Schichten voneinander immer mehr, insbesondere die Mittelschicht differenzierte sich weiter auf – am deutlichsten werden die Unterschiede beim Abstand zwischen der „lower middle class“ und der „upper middle class“, zwischen deren Einkommen mittlerweile Zehnerpotenzen liegen. Eine wenige Prozent („upper class“) dürfen inzwischen auch an westlichen Maßstäben gemessen als wirklich reich gelten (kaum ein Land hat so viele Dollar-Millionäre wie Indien), während sich in jüngster Zeit die finanzielle Situation der „upper middle class„ durchaus mit der der Mittelklassse westlicher Länder vergleichen lässt. Wenn man den Anteil der „upper middle class“ vorsichtig auf 10-15 Prozent schätzt, ist das angesichts über einer Millarde Inder immer noch ein Markt von etwa 150 Millionen relativ kaufkräftiger Konsumenten. Kein Wunder also, dass diese Entwicklung schon lange die begehrlichen Blicke weltweit operierender Konzerne auf sich zieht. Wenn schon 150 Millionen kaufkräftiger Menschen der Mittelklasse ein großes Bevölkerungspotential darstellt, versagt die Vorstellung von über 700 Millionen Menschen, die nur sehr beschränkten Zugang zum Wohlstand des Landes haben. Touristen werden mit ihnen idR auch kaum Kontakt haben, da ländliche Gebiete kaum touristische Infrastruktur aufweisen und ohne Sprachkenntnisse auf eigene Faust nur schwer zu bereisen sind.

Während man die indische Wirtschaft bis Anfang der 90er noch als relativ geschlossen betrachten darf, wurden die Beschränkungen für international tätige Unternehmen im Verlauf der 90er immer weiter abgebaut, besondere Aufmerksamkeit galt z.B. (wegen des zunehmendes Individualverkehrs) „joint-ventures“ von japanischen Autmarken mit indischen Herstellern, wobei es zunächst noch die Vorschrift gab, dass ausländische Unternehmen maximal bis 49% der Unternehmensanteile erwerben durften. Mittlerweile sind allerdings große Teile des Versorgungssektors (z.B. Wasser) im Besitz internationaler Konzerne. Verheerende Auswirkungen hat die Tätigkeit von internationalen Unternehmen wie Monsanto im Bereich Biotechnologie (Saatgut).

Besonders deutlich wird die traditionell kleinteilige Wirtschaft Indiens am Thema Einzelhandel (jährliches Volumen etwa 350 Milliarden Euro), der bis heute ganz Überwiegend die Versorgung des Landes mit Waren und Konsumgütern abdeckt, idR sind das Kleinstunternehmen auf Familienbasis. Diverse Supermarktriesen hatten Ende 2011 versucht, in Konkurenz zum Einzelhandel zu treten, wegen des heftigen landesweiten Widerstands dagegen legte die Regierung in Neu-Delhi Pläne dazu eine Woche nach ihrem Kabinettsbeschluss (der auch internationale Beteiligungen an Supermärkten bis zu 51 Prozent legalisieren sollte) wieder auf Eis. Übrigens ist der deutsche Handelsriese Metro in Indien bereits seit 2003 tätig, vertreibt seine Waren aber nur an Unternehmer und nicht direkt an die Verbraucher. Nicht zuletzt wegen dieser Kleinteiligkeit der indischen Wirtschaft ist diese primär auf den Binnenhandel und weniger auf Export ausgerichtet und bliebt von den diversen Finanz- und Bankenkrisen der letzten Jahre weitgehend unberührt. Dazu kommt dass (wie schon angedeutet) besonders in ländlichen Gebieten ein großer Teil nicht für den Handel sondern für den Eigenbedarf bzw Tausch produziert wird, sodass Geld dort traditionell eine weniger große Bedeutung hat als in den Städten. Auch wegen dieser traditionell geschlossenen Wirtschafts-Kreisläufe nehmen die Dörfer in Mahatma Gandhis Vision (und auch der vieler gegenwärtig aktiver sozialer Bewegungen ) einer zukünftigen Gesellschaft eine zentrale Rolle ein, wobei man aber realistischer Weise zugestehen muss, dass sich der Trend gegenwärtig in die Gegenrichtung bewegt.

Und damit wieder zurück zu Mozda, dessen allgemeines Bild durch die rot-braun Töne der Hütten bestimmt wird, die u.a. von dem allgegenwärtigen Putz aus Kuhdung und Lehm herrührt, der auf Böden und Wände aufgetragen wird. Es gibt die in Indien üblichen drei Jahreszeiten: Monsun, Winter und Sommer, wobei der Winter die angenehmste Jahreszeit ist. Während des Monsuns (Juni – September) säuft hier alles ab: Der Fluss schwillt extrem an, die Brücke wird idR komplett überschwemmt, man sieht wochenlang keine Sonne, alles bleibt feucht und gammelt. Ein kleiner Bonus ist dann allerdings die Vegetation, die förmlich explodiert. Der Sommer dagegen (März – Juni) wird vor allem zum Ende so heiss, dass es selbst für die Menschen hier, die das seit je kennen, kaum zu ertragen ist, Temperaturen im Schatten bis zu 50 Grad sind keine Seltenheit, der Fluss ist mehr oder weniger ausgetrocknet. Der Winter (Oktober bis Februar) dagegen ist angenehm mild, alles ist noch relativ grün. Nur Ende Dezember, Anfang Januar wird es nachts empfindlich kalt, im Augenblick (Mitte Januar) bis zu 5 Grad Celsius am frühen Morgen, da die Hütten nicht aus Stein sind und so keine Hitze gespeichert wird, die Bettdecken kaum isolieren bleibt einem nichts anderes als sich nachts so viele Lagen übereinander anzuziehen wie nur möglich, trotzdem zittert man morgens dem Sonnenaufgang entgegen. Kommt dann die Sonne, wird es aber schnell wieder wärmer. Außerdem gibt es zumindest Winteranfang viel Gemüse und Obst (das im Monsun gepflanzt wurde), ansonsten für die Farmer hier ein Luxusgut.

Der Tagesablauf wird für uns Besucher im Wesentlichen dadurch bestimmt, für sich zu sorgen: Körpereinigung, Wäsche, Wasser holen und Essenszubereitung fressen einen Großteil der Zeit, sodass nur wenig Zeit für Lesen und Gespräche bleibt. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Menschen, die hier leben, neben der Befriedigung ihrer individuellen Bedürfnisse auch noch 10-12 Stunden am Tag arbeiten. Feiertage / Wochenende gibt es hier nicht, aber ab und an kleine Festivitäten. Dass jeder Arbeitsschritt zumindest für uns Westler hier so viel mehr Aufwand mag daran liegen, dass wir es nicht gewohnt sind alles manuell zu erledigen, Wäsche waschen bedeutet z.B. erst mal Wasser zu besorgen, die Wäsche ordentlich einzuseifen, auszubürsten, den Schmutz auszuschlagen und dann wieder zu spülen, was wieder diverse Gänge Wasserholen bedeutet. Speziell ist auch die indische Version der Dusche: der „Indian Shower“. Dazu braucht man zwei Eimer, einen mit heißem Wasser (das über einem Holzfeuer erwärmt wird) und einen mit kaltem, damit geht es ins Bad, wo das Wasser auf die gewünschte Temperatur zusammengemischt wird, in fortschrittlichen Haushalten gibt es gelegentlich auch einen Tauchsieder für warmes Wasser, die sind meist in einem Zustand, dass der Gang ins Bad eher einem Selbstmordkommando gleicht. Oder gar Wasserboiler, die aber gerne mal alle Wasserleitungen im Bad unter Strom setzen, da gilt also das Prinzip: Erst alles abstellen, bevor man das Bad betritt. Hat man also warmes Wasser, gießt man es sich mit einem kleinen Plastiknapf über den Kopf, das ist dann der erwähnte „Indian Shower“. Im Sommer geht’s auch mit kaltem Wasser, aber im Winter kann es auf dem Land schon empfindlich kalt werden, da ist ein warmer „shower“ schon was feines.

Die Ernährung hier ist überwiegend vegan, die Adivasis sind zwar keine ausgesprochenen Vegetarier, aber Fleisch (v.a. Geflügel oder Fisch) gibt es nur selten und auch die Milch wird meist nur sehr begrenzt für den Eigenverbauch produziert. Das unterscheidet die Hindus und sonstigen Communities allerdings von den Adivasis, denn im Allgemeinen wird in Indien viel Milch konsumiert, für Veganer kein leichtes Pflaster. Ich selber nehme Milch meist nur in der Form von Chai zu mir und habe einen Heidenaufwand damit die freundlichen Angebote von frischer Kuhmilch (die besser schmeckt als die fettreichere und billigere Büffelmilch), Jogurt u.ä. im Minutentakt abzulehnen. Für Veganer haben die Indier idR wenig Verständnis, selbst Freunde nicht, die mich schon seit 20 Jahren kennen. Dabei sind die Inder traditionell in Ernährungsfragen selbst extrem sensibel, die Mehrheit lebt mehr oder weniger lakto-vegetarisch, Eier gelt nicht als vegetarisch.