In Mumbai

Mumbai, 15.2.2013

talks ’n walks

Am 12.2. geht es vormittags in Tegel los, der Checkin nach Istanbul startet gerade als ich am Flughafen einlaufe. Die letzten Reisen nach Indien habe ich alle mit Turkish Airlines gebucht, vor allem weil es 30 kg Freigepäck gibt – außerdem sind die Preise moderat und die Ausstattung in der Economy Class ordentlich. In Istanbal gibt es 4h Aufenthalt, dann geht es weiter nach Mumbai (Bombay) wo ich morgens gegen 5:00 ankomme.

Das Freigepäck habe ich wieder leidlich ausgenutzt, diesmal überwiegend Leckereien für unsere Freunde, die es in Indien in der Qualität kaum gibt: Bio-Müsli und -Tahini, Schokolade, Marzipan, diverse Sorten eingelegte Oliven und Olivenöl, Pesto und Käse. Außerdem ein paar praktische Dinge wie Birkenstock-Schlappen für Michael, einen taz-Rucksack für Anand und diverses andere. Die Tage vor unsere Abreise durchstreifen Sabine und ich traditionell solange die Geschäfte nach passenden Mitbringsel, bis die 30 kg komplett sind. Ich bin immer heilfroh, wenn ich das Zeugs durch den Checkin habe und dann noch mal, wenn ich damit durch den indischen Zoll bin. Wird man kontrolliert, kann es durchaus passieren, dass die Lebensmittel einkassiert werden – bisher haben wir aber immer Glück gehabt.

Im Flieger

Der Flug ist OK – viel schlafen kann ich allerdings nicht, denn mein Sitznachbar, ein junger schlacksiger Inder kuschelt sich beim Schlafen eng an mich und ich habe alle Hände voll mit ihm zu tun. Auch ansonsten sind entweder seine Ellbogen oder seine Knie immer da, wo ich sie eigentlich nicht haben will. Und wenn er wach wird, trommelt er wie wild mit seinen Fingern auf das Klappbrett vor ihm. So arbeite ich mich durch das reichhaltige Videoprogramm und komme kaum zum Schlafen. Ulkigerweise werden bei Turkish Airlines zur Zeit die Fluggäste von einem Koch mit einer riesigen Kochmütze an Board empfangen. Mehr als ein Gag ist das aber nicht, denn es gibt den gleichen Pamps an Alu und Plastik wieder immer. Für mein eigentlich gebuchtes vegetarisches Menü muss ich etwas Einsatz bringen, ich stehe wohl nicht auf der Liste mit den „special meals“. Beim Transit in Istanbul reklamiere ich am Turkish Airlines Schalter, wo man allerdings nur sehr gebrochen Englisch spricht – schon ulkig für einen internationalen Flughafen. Nach längerem Hin und Her mit Händen und Füßen (in Nachahmung eines Federviehs wedele ich mit den Ellbogen und deute so an, was ich nicht auf meinem Teller vorfinden möchte) und der Herr am Schalter überlegt länger, ob ich eine Gefahr für den Flugbetrieb bin. Schließlich lässt man mich mit einem Ausdruck meiner Buchung gehen, auf der klar mein Wunsch nach Vegetarischem erkennbar ist. Leider komme ich dann beim Flug nach Mumbai nicht dazu, dieses Dokument einzusetzen, da es diesmal funktioniert – schade eigentlich.

Ankunft

In Mumbai gibt es dann noch eine kleine Komplikation, da das Gepäck auf einem anderen Band rauskommt wie angeschlagen, was zwischendurch zu etwas chaotischen Zuständen führt. Bei der Passkontrolle geht es interessanterweise bei Leuten mit deutschem Pass ziemlich zügig, während es bei anderen Nationalitäten die Schlange schon mal längere Zeit ins Stocken kommt. Danach die Zollkontrolle – ich habe wieder Glück und werde nicht kontrolliert. Schließlich das erste Highlight indischer Kreativität bei der Umsetzung staatlich vorgegebener Fixpeise: Das Prepaid Taxi Booking – man bucht das Taxi im Flughafengebäude zu festgesetzten Preisen und erspart sich elende Feilschereien mit den Taxifahrern. Eigentlich.

Uneigentlich sind die Leute am Prepaid Schalter genauso pfiffig wie die Taxifahrer ausserhalb. Auf den eigentlich Grundpreis von 340 Rs für die Fahrt nach Mulund (eine Verdoppelung innerhalb weniger Jahre) gibt es diverse Aufschläge z.B. für Gepäck und „Airport Convenience Charges“, dazu kommen Fehler beim Zusammenrechnen und man kriegt auch noch auf den eh schon überhöhten Betrag zu wenig Geld raus, sodass ich am Ende 430 Rs (etwa 6,50 Euro) los bin. Für westliche Verhältnisse vielleicht OK, es gibt aber nach wie vor nicht wenige in Indien, die kaum mehr in einem Monat verdienen. Das ganze übrigens für ein Non-AC Taxi, denn eigentlich vermittelt man Westlern lieber die klimatisierten AC-Taxen, die (versteht sich) noch eine ziemiche Kleinigkeit teurer sind. Was übrigens zumindest um diese Uhrzeit keinen Mehwert bringt, denn morgens um 5:00 ist es draußen angenehm kühl.

Mulund (der Stadtteil in dem Hansa und Daniel ihr Center haben) liegt ganz am nördlichen Stadtrand von Mumbai. Da kommen viele Taxifahrer wohl eher selten hin, denn oft verpassen sie die eigentlich gut erkennbar ausgeschilderte Autobahnausfahrt nach Mulund und behelfen sich dann kurz entschlossen mit eine Wendemanöver auf der Autobahn oder fahren gerne auch mal ein längeres Stück rückwärts. Fein raus ist daher, wer seinen Nachlass regelt, bevor es auf nach Indien geht.

Bei Hansa und Daniel

Gegen 6 Uhr früh Ankunft im Center. Außer Hansa und Daniel empfängt mich Anand, der ältere der beiden Söhne von Hansa und Daniel. In der Vergangenheit hat er schwerpunktmäßig Bürgerprotestbewegungen von einem Center in Rajpipla (Kleinstadt in Gujarat) aus koordiniert. Im letzten Jahr allerdings war er wegen verschiedener Aktivitäten ständig unterwegs, unter anderem auch weil einige der älteren Aktivisten starben und Anand die Aufgabe zuviel, die Weiterführung ihrer Projekte zu managen. Im weiteren Verlauf unserer Reise werden wir in diesem Zusammenhang wohl einige Tage in Dharampur, einer waldreichen und nach Anands Aussage sehr reizvollen Gegend im Bezirk Valsad verbringen. Anand bleibt bis zum nächsten Tag Mittags und bricht dann von Mumbai nach Gujarat auf, wo wir ihn etwa 10 Tage später wiedersehen werden.

Hansa und Daniel sind mitlerweile weit in den siebzigern und waren ihr Leben lang in vielfältigen sozialen Bewegungen aktiv – in Indien vor allem im Kontext gewaltfreier Bewegungen in der Tradition Gandhis (weshalb sie sich auch als „Gandhianer“ bezeichnen) und hier wiederrum als aktive Mitstreiter des von Gandhi inspirierten Freiheitskämpfers und Sozialreformers Vinoba Bhave, „der durch die von ihm begründete Bhudan-Bewegung die friedliche massenhafte Umverteilung von Landbesitz erreichte“ [1].

International wirkt vor allem Daniel durch seine Mitgliedschaft beim Internationalen Versöhnungsbund IFOR („International Fellowship of Reconciliation – Internationaler Versöhnungsbund, eine unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg gegründete Friedenorganisation“ [2]) und beim WRI (War Resisters‘ International – Internationale der Kriegsdienstgegner/innen, „ein 1921 in den Niederlanden […] gegründetes weltweit agierendes Netzwerk von Antimilitaristen, Kriegsdienstverweigerern und Pazifisten“ [3]). Ein weiterer Schwerpunkt ist das „Sarvodaya Friendship Center“, in dem ich mich jetzt aufhalte, eine in den letzten 25 Jahren von vielen international Aktiven genutztes Begegnungszentrum.

Daniel ist trotz des hohen Alters noch sehr aktiv, ihm es geht es im Großen und Ganzen gut. Hansa hat seit einiger Zeit zunehmend mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, was ihr leider sehr zu schaffen macht. Früher war sie sehr aktiv und ständig unterwegs, jetzt ist ihre Mobilität stark eingeschränkt und sie reist nur noch selten – zu meiner großen Freude macht sie sich mit uns auf nach Gujarat.

Diese ersten Tage verbringen wir mit Kochen, Spaziergängen und vielen Gesprächen über das zurückliegende Jahr, gerne schaue ich dabei Hansa beim spinnen zu.

[1]-[3] sind Zitate aus der Wikipedia.