Im Flieger

Indien, Dezember 2016

Unterwegs nach Indien

Dieses Mal fliegen wir mit Jet Airways, der größten privaten indischen Fluggesellschaft. Seit 2013 hält Etihad Airways (im Besitz der Herrscherfamilie von Abu Dhabi) 24 Prozent an Jet Airways und ist auch an diversen anderen großen Fluggesellschaften beteiligt, unter anderem mit knapp 30 Prozent an Air Berlin und mit 300 Mio Kapitalaufstockung an Alitalia. Air Berlin, Air France, Alitalia, Delta, Etihad, KLM und diverse andere unterhalten ein Codeshare-Abkommen, d.h. teilen sich Linienflüge.

In meinem Fall übernimmt Air France den Flug von Berlin nach Paris und Jet Airways den Flug Paris nach Mumbai. Das Codeharing hat für die Kunden eher Nachteile als Vorteile, weil es z.B. die Ausstellung von Boardkarten bzw. Sitzplatzreservierungen deutlich verkompliziert. Für den Flug nach Paris gab es vorab überhaupt keine Möglichkeit feste Plätze zu reservieren, für den Flug von Paris nach Mumbai gab es halbwegs vertretbare Plätze nur gegen fette Aufpreise.

Wegen dieser Kompliziertheiten verzichtete ich auch auf Online-Boardkarten, was sich als Fehler herausstellte. Zwar war ich 2 ½ Stunden vor Abflug nach Paris in Tegel, dort erwartete mich aber schon eine lange Schlange. Am Schalter erfuhr ich dann dass es dort keine Boardkarten gebe, diese solle ich mir vorab bei den entsprechenden Druckern besorgen, die allerdings z.T. defekt waren, also auch dort wieder lange Schlangen. Beim Security-Check schließlich auch lange Schlangen, sodass ich es gerade mal pünktlich zum Boarding schaffte. Der Security-Mensch war übrigens sehr gründlich und untersuchte ausgiebig die Gegend um meinen Hosenbund und darunter, ich war zwar nicht gerade in Stimmung, aber man soll ja auch nicht allzu wählerisch sein. Die Verköstigung während des Fluges nach Berlin war eher mager: Einen Pappbecher mit Instant-Cappuchino aus der Tüte. Von den Franzosen hätte ich da mehr erwartet.

In Paris Charles de Gaulle war ich das erste Mal, der Flughafen ist wirklich gigantisch. Mit dem Shuttle-Bus waren es fast 30 Minuten, bis ich am richtigen Terminal war, und drinnen ging’s auch noch mal eine längere Strecke zu Fuß. Beim Rückflug haben wir nur eine Stunde, das wird evtl. etwas knapp. Dort am Gate noch mal Tausch der Boardkarte, die Ansage war aber so genuschelt, dass ich das erst ziemlich spät mitbekommen habe.

Im Flieger nach Mumbai sitzt ein sehr fülliger Mensch neben mir, sehr freundlich und vom Aussehen her würde ich auf Südindien tippen, die Menschen dort sind mir ausgesprochen sympathisch. Er hat allerdings das Problem, dass seine Frau ein paar Reihen weiter vorne sitzt und es beginnt eine wilde Sitztauschaktion, ein bisschen wie beim Hütchenspiel. Jedenfalls verliere ich schnell den Überblick wer mit wem tauscht und bin heilfroh, dass ich meinen Platz behalten darf. Das Kabinenpersonal folgt dem ganzen auch mit Skepsis, die ist auch berechtigt, denn später bei der Essensausgabe beginnt das Spiel von neuem, bis jede/r sei/ihr bestelltes Essen bekommt. Das ganze eskaliert etwas, weil der betreffende Herr wie schon erwähnt etwas beleibter ist und deswegen die ganze Situation im engen Gang der Economy Klasse etwas aus dem Ruder läuft.

Als Kind hatte ich mal so ein kleines Spiel (Puzzle) mit Plastiktäfelchen, die man durch Verschieben in die richtige Reihenfolge bringen musste, wobei es immer einen freien Platz gab. So ähnlich, nur dass hier der freie Platz fehlt. Auch später habe ich viel Freude mit meinem Sitznachbarn. Als erstes verschwindet die Armlehne in einer Speckfalte, mir schwant etwas. Als nächstes ist mein rechter Arm dran, den ich verzweifelt gegen die feindliche Übernahme verteidige, das nützt aber wenig – auch dieser wird in sein Fettgewebe integriert. Im weiteren Verlauf des Fluges widmet er sich seiner Frau, die beiden sind offensichtlich frisch verliebt und fangen an, sich leidenschaftlich miteinander zu beschäftigen. Was wegen der Enge und der Leibesfülle des Herrn neben mir dazu führt, dass ich unfreiwillig von den Bewegungen erfasst werde und diese intimen Momente im buchstäblichen Sinne hautnah miterleben darf. Ich bin fast froh, als das Essen kommt und alle wie oben angedeutet nach komplizierten Verhandlungen ihr Menu vor sich stehen haben. Allerdings ist der Herr ein schneller Esser und die Ruhe währt nicht lange. Ich überlege kurz, mich zu betrinken, aber der Nachschub stoppt schon nach der zweiten Dose Bier, das reicht leider nicht für einen Vollrausch. Es ist erstaunlich, wie lange sich neun Stunden Flug hinziehen können …