Hansa

Indien, Februar und März 2013

Biografischer Hintergrund

Wer sich für friedenspolitische Themen, Gandhi oder allgemein Indien interessiert, findet im „Sarvodaya Friendship Center“ in Bombay seit vielen Jahren einen idealen Anknüpfungspunkt – nicht zuletzt wegen Hansa und Daniel, die dieses Zentrum seit vielen Jahren leiten und sich seit jungen Jahren in der Tradition Gandhis und seines engen Vertrauten Vinoba Bhaves aktiv engagieren.

Dieser Text trägt biografische Hintergrundinformationen zu Hansa zusammen, die ich in mehreren Gesprächen mit ihr während meiner diesjährigen Indienreise aufgezeichnet habe. Hansa spricht nur wenig Englisch und ich weder Hindi oder Gujarati, daher hat Daniel freundlicherweise bei der Übersetzung geholfen. Einige Namen oder Bezeichnungen musste ich den Aufzeichnungen später „nach Gehör“ entnehmen, Schreibfehler gehen daher auf mein Konto, ich bitte um Nachsicht. Die Bilder kommen von Birgit Gündner, wofür ich mich herzlich bedanke.

Hansa

Hansa wird dieses Jahre 80 Jahre alt, gelegentlich macht ihr ihr Gesundheitszustand schwer zu schaffen, aber sie hat sich bis heute ihr sanftes und freundliches Wesen bewahrt. Internationalen Gästen gegenüber mag sie zunächst etwas zurückhaltend erscheinen, aber wer sich etwas Zeit nimmt und sich von anfänglichen Sprachproblemen nicht entmutigen lässt, kommt bald mit ihr ins Gespräch und ist von ihrer Offenheit, und ihren klaren und gut durchdachten Gedanken beeindruckt. Nebenbei verspinnt sie mit einem kleinem „Charka“ (ein von Gandhi entwickeltes sehr einfaches Spinnrad) nach gandhianischer Art Baumwolle, die sie dann später gegen Khadi, einem nach gandhianischer Art in Kooperativen gewebten Tuch, eintauscht. Während meiner diversen Indienreisen in den letzten 20 Jahren ist mir niemand sonst begegnet, der die Lehren von Gandhi und Vinoba so sehr in ihrem ganzen Wesen (oder Persönlichkeit) aufgenommen hätte wie Hansa.

Kindheit

Hansa’s genauer Geburtstag lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Ihre Familie stammt aus der Kaste der früher sogenannten „Unberührbaren“ (heute politisch korrekt als „Dalits“ bezeichnet). Heute spielt das in Hansas Leben keine Rolle mehr, umsehr mehr als ihr Mann Daniel gebürtiger Jude ist – in gandhianischen Zusammenhängen sind die Schranken zwischen Kasten und Religionen seit je überwunden. Damals allerdings wurde ihre Familie wie alle „Unberührbaren“ marginalisiert und musste außerhalb des Dorfes Kator (im Bezirk Surat in Gujarat) am Ufer des Tapi leben.

Die Tapi ist ein Fluss der in Zentralindien (Madhya Pradesh) entspringt und westwärts (in Gujarat teilweise parallel zur Narmada) fließt. Als der Tapi über seine Ufer trat, wurde die Wohnstätte von Hansa’s Familie überschwemmt und alle Papiere („school documents“) gingen verloren – in Indien gab es seinerzeits noch kein geregeltes Meldewesen. Das Ganze wurde erst dann zum Problem, als Hansa in den 80er Jahren einen Reisepass für ein Visum nach Deutschland brauchte. Man forschte also etwas bei den Verwandten und legte dann ihren Geburtstag willkürlich auf den 18. Juli 1933.

Hansa hatte 5-6 Geschwister, wobei aber nur drei überlebten, die anderen starben früh. Ein Bruder (Navrotambhai) ist älter sie, ein zweiter (Jahubhai) jünger. Ihr Vater war Schuhmacher und schwer alkoholkrank, weswegen ihre Mutter die Familie (während sie mit dem jüngeren Bruder schwanger war) für einige Jahre verließ. Sie arbeitete auf einer Farm, Hansa lag in einem Tuch (oder einer Hängematte), während sich ihre Mutter auf dem Feld plagte. Weil Hansa viel schrie, schritten die Nachbarn ein und benachrichtigten den Vater, der sie der Mutter wegnahm. Hansa wurde dann ab einem Alter von zwei Jahren von ihrer Großmutter versorgt, während der jüngere Bruder bei der Mutter blieb, die Hansa dann nur noch bei gelegentlichen Besuchen zu sehen bekam. Viele Jahre später (zur Hochzeit des jüngeren Bruders) kam Hansa’s Mutter aber wieder zur Familie
zurück.

Leben in Ashrams

Im Dorf, wo Hansa aufwuchs lebte ein Gandhianer (ein Aktivist oder „worker“, der für die Ideen Gandhis warb) namens Makanji Kakar („kakar“ bedeutet „Onkel“ und wird in Indien auch heute noch häufig bei der respektvollen Anrede verwendet). Als Hansa 6-7 Jahre alt war, hielt sie sich häufig bei ihm auf und lauschte seinen Erzählungen. Da es im Dorf kaum die Möglichkeit eines Schulbesuchs für Hansa gab, empfahl Kakar Hansa zusammen mit 5-6 anderen Mädchen zur Ausbildung in den Sabarmathi Ashram zu schicken, in den Schulferien kam Hansa dann wieder ins Dorf zurück. Ein Cousin von Hansa’s Vaters machte sich übrigens wegen seinem Alkoholkonsum Sorgen und brachte ihn ebenfalls zum Sabarmati-Ashram, wo er als Schuster arbeitete.

„Der Sabarmati-Ashram (auch Harijan-Ashram genannt) liegt in Indien, im Nordwesten der Stadt Ahmedabad, der damaligen Hauptstadt Gujarats am Fluss Sabarmati. Hier lebte Mohandas Karamchand Gandhi (Ehrenname: Mahatma Gandhi) von 1918 bis 1930 und lenkte den gewaltlosen Widerstand ‚Ahimsa‘ gegen die britische Besatzung. Viele nationale und internationale Persönlichkeiten kamen hierher, um Gandhi zu treffen. Sein ehemaliges Wohnhaus wurde zum Museum ‚Gandhi Smarak Sangrahalay‘ umgebaut. Im Zimmer Gandhis sind sein Spinnrad, die ‚Satyagraha-Tafel‘ und andere Utensilien zu sehen. Außerdem gibt es eine umfangreiche Bibliothek, eine Bildergalerie und die illustrierte Lebensgeschichte des pazifistischen Staatsmannes.“ [1]

1942 wurden als Reaktion auf Gandhis „Quit India Movement“ alle Mitglieder des Sabarmati Ashram verhaftet und der Ashram geschlossen. Hansa musste nach drei Jahren Aufenthalt wieder zurück ins Dorf.

„Quit India war eine Kampagne des zivilen Ungehorsams, die im August 1942 begann, nachdem Gandhi von Großbritannien die sofortige Unabhängigkeit verlangt hatte. Die Kongresspartei rief zum Massenprotest auf, um den von Gandhi geforderten ordnungsgemäßen Abzug der britischen Truppen zu gewährleisten. Die Bewegung stellte Gandhi unter das Motto: ‚Handeln oder sterben!‘, das er am 8. August am Gowalia Tank Maidan in Bombay ausgab. Fast die gesamte Führung des INC (Indischer Nationalkongress) wurde innerhalb weniger Stunden nach Gandhis Rede ohne Gerichtsverfahren inhaftiert. Die meisten blieben bis zum Kriegsende in Haft. Die Briten lehnten die sofortige Unabhängigkeit ab und vertrösteten die Inder auf die Nachkriegszeit. Am Tag nach seiner Rede wurde Gandhi von der Kolonialmacht in Pune inhaftiert und nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Insgesamt befand er sich in Südafrika und Indien acht Jahre lang in Haft.“ [2]

Zurück im Dorf verbrachte Hansa wieder viel Zeit mit Makanji Kakar, zum einen verrichtete sie kleinere Arbeiten zum anderen lernte sie spinnen. Kakar hielt jeden Tag Kontakt mit der Familie, von ihm erfuhr Hansa aus erster Hand insbesondere von Ganhdi und dem indischen Freiheitskampf. Die Verbreitung von Gandhis Lehren und Informationen und den Bemühungen zur Unbhängigkeit von Indien von Mund zu Mund war zu dieser Zeit, wo die meisten Menschen nur wenig Zugang zu Medien hatten, weit verbreitet. Sogenannte „Gandhian workers“ gingen in die Dörfer und Städte und brachten die Menschen und insbesondere Kinder zur gandhianischen Bewegung, indem sie Geschichten erzählten, unterrichteten oder vorlasen um für die Bewegung zu werben oder die Menschen für den Freiheitskampf zu gewinnen.

Später wurde Hansa dann für eine einjährige Ausbildung (u.a. zum Spinnen) im Sari District in den ebenfalls gandhianischen Karadi Ashram gebracht (eine einjährige Ausbildung), später auch nach Bombay, 1948 kam sie dann im Alter von 15 Jahren nach Goba village, nahe Ahmendabad, zum Kasturba Trust, einer gandhianische Frauenorganisation.

Nach dem Tod von Kasturba (Gandhis Frau) 1944 wurde im großen Umfang Geld gespendet (etwa 1 Crore Rs, also zehn Millionen Rupien – für die damalige Zeit eine ungeheure Summe) für dessen Verwendung es verschiedene Vorschläge gab. Es gab von verschiedener Seite den Vorschlag, mit dem Geld Krankenhäuser zu finanzieren, Gandhi entschied sich dann aber zur Gründung einer Stiftung, dem „Kasturba Gandhi National Memorial Trust“ (KGNMT), der es zur Förderung von Frauen verwenden werden sollte. Im Laufe der Jahre wurden 18 Frauenzentren in ganz Indien gegründet die hauptsächlich Frauen aus dem ländlichen Indien (und ihren Kindern) zugänglich ware und ihnen eine Ausbildung boten welche die Arbeit in den „Khadi Industries“ zum Ziel hatte.

„Khadi ist Indiens handgesponnene und handgewebte Kleidung. Der Rohstoff zur Herstellung kann Baumwolle, Seide, oder Wolle sein und wird auf einem Spinnrad namens Charkha verarbeitet. Khadi ist ein vielseitiger Stoff, kühl im Sommer und warm im Winter. In den 1920er Jahren begann Mohandas Gandhi das Spinnen von Khadi zu propagieren. Zum einen sollte es der landwirtschaftlichen Bevölkerung die Möglichkeit zur Selbstversorgung bieten, zum anderen sollte Khadi-Stoff die ausländischen Stoffprodukte verdrängen. Gandhi selbst kleidete sich ausschließlich mit Khadi. Auch die Flagge Indiens wird ausschließlich aus Khadi hergestellt.“ [3]

Hintergrund ist, dass Gandhi glaubte, der Aufbau einer indischen Nation von der Entwicklung der indischen Dörfer ausgehen müsse, und das hier insbesondere die Förderung von Frauen und ihren Kinder im Zentrum stehe müsse. Gandhi’s Ruf folgten viele „Sevikas“ (Aktivistinnen), die ihre häusliche Existenz zugunsten eine Arbeit in den ländlichen Gebieten aufgaben – unter schwierigsten Bedingungen. Heute wird der Trust von Kasturbagram (Indore) aus geleitet.

1951 wurde Hansa von Goba für 18 Monate nach Sevagramm (nahe Wardha, Zentralindien) geschickt, und lernte dort den kompletten Produktionsweg von Khadi („from cotton to cloth“) – sie arbeitete auf dem Feld, was sie aber nach eigenen Angaben wegen ihrer Jugend nicht als sehr belastend empfand – und wurde als „construktive worker“ ausgebildet. Dies umfasste die Bereiche Erziehung / Unterricht, Krankenpflege, Spinnen und Weben und die Aufsicht von Kindern. Sevagram ist der zweite, 1936 von Gandhi gegründete Ashram, ländlich gelegen, weil Gandhi wie gesagt im ländlichen Indien die Grundlage für das neue Indien sah. Er lebte dort mit Kasturba, seiner Frau ein einfaches (asketisches) Leben, unterrichtete die Dorfbewohner und empfing dort Gäste aus aller Welt.

Entscheidung für Vinoba

Die Arbeit im Krankenhaus lag Hansa weniger, sie schloss daher erfolgreich ein Ausbildung als Spinnerin ab, wobei es Pflicht war danach 3 Jahre als „constructive worker“ weiterzuarbeiten (duty bound). Hansa blieb tatsächlich sieben Jahre in Goba und schloss sich dann 1958 (also mit 25) Vinobas Landschenkungsbewegung (Budhan) an als Vinoba nach Gujarat kam, d.h. sie gab ihre Arbeit als Spinnerin auf und arbeitete nun Vollzeit als „sarvodaya worker“.

Zum Begriff „constructive worker“: Die Bezeichnung geht auf das „Constructive Program“ von Gandhi zurück, der ihn als ganzheitlichen Ansatz für eine politische Umgestaltung und gesellschaftichen Entwicklung entwarf. Zentrale Punkte sind die gemeinschaftiche Arbeit und die Selbstversorgung kleinerer Einheiten, z.B. der Dörfer, aber auch z.B. eine gewaltfreie Erziehung.

Zum Begriff „Sarvodaya“: Bedeutet wörtlich „Wohlfahrt für alle“ und wurde von Gandhi schon sehr früh geprägt – und gilt bis heute als Oberbegriff für alle sozialen Bewegungen, die sich auf Gandhi berufen. Die Kernideen sind, dass das Wohl der Gemeinschaft auch jedem einzelnen zugute kommt, dass jede Arbeit (ob Hand- oder Kopfarbeit) gleichwertig ist und dass Arbeit an sich einen hohen Stellenwert hat.

Hansa kannte Vinoba schon seit ihrer Jugend von Besuchen im Frauenshram in Paunar (ebenfalls in der Nähe von Wardha, Zentralindien), von sogenannten „camps“ (meist einwöchige Lehrgänge) im Sabarmati und von Vinobas all-wöchentlichen Freitags „lectures“ in Sevagram. Als Grund für ihr Interesse an Vinoba gibt Hansa an, dass sie damals dachte, spinnen und weben reicht zur Beseitigung der Armut nicht aus. Bei einem camp in Sabarmati, an dem alle „seniour Gandhi leaders“ anwesend waren, reifte ihr Entschluss, sich Vinoba und Budhan anzuschließen. Sie bekam dann die Gelegenheit, in Vinbas Büro zu arbeiten, das seine zahlreichen Reisen organisierte und plante. Für Hansa bedeute Budhan dass die Menschen in den Dörfern so zusammen arbeiten sollen wie die verschiedenen Finger einer Hand, eine Suche nach Gleichheit unter den Menschen und letztlich auch eine klare Linie für ihr künftiges Leben.

Vinoba Bhave war tief im Hinduismus verwurzelt und früh von politischen Idealen durchdrungen, die allerdings nicht von Anfang an pazifistischer Natur waren. Nachdem er 1916 auf Gandhi traf, wurde er sein Schüler, später einer seiner engsten Vertrauten, schloß sich der nationalen Unabhängigheitsbewegung an und wurde mehrfach verhaftet. Mehr noch als Gandhi verband er politisches Handeln und Spiritualität, zwischendurch studierte er ein Jahr in Benares Sanskrit und Theologie. Vinoba wurde vor allem auch durch seine frühen Schriften, die er z.T. in den Gefängnissen verfasste und durch (z.T.von Gandhi initiierte) individuelle Satyagraha-Aktionen (eine Form des zivilen Ungehorsams) bekannt. Später leitete er auch die Shanti Sena-Bewegung („Friedensfreiwillige“), die im Geiste Gandhis zur friedlichen Konfliktlösung und sozio-ökonomische Reformen beitragen soll.

1951 startete Vinoba eine Aktion zur Landumverteilung im Rahmen seiner Bhudan-Bewegung. Insgesamt soll er dabei 60000 km zu Fuß durch Indien zurückgelegt haben. Nach der Sarvodaya-Konferenz in Rajgir kehrte er in sein Ashram zurück, wo er nach nun 13-jähriger Wanderung sich dem Aufbau einer Frauen-Abteilung (Brahma Vidya Mandi) widmete.

Vinoba grenzte sich allerdings scharf von der extremen Linken ab, wohl wegen seiner religiösen Überzeugungen. Nachdem Regierungsprogramme zur Einführung einer Obergrenze für ländlichen Landbesitz nicht umgesetzt wurden, rief Vinoba am 18. April 1951 die Bhunidan-Yagna-Bewegung, abgekürzt Bhudan, ins Leben, deren Hauptforderung Land für die Landlosen war. Er schwor im Juni 1951 so lange durch Indien zu wandern, bis er 5 Millionen Acres Bodenfläche von Grundbesitzern für landlose Dorfbewohner gesammelt hatte. „Ich bin gekommen, um Euch in Liebe zu plündern.“ Zum Erstaunen aller Skeptiker gelang es ihm schon in den ersten 5 Jahren, Zusagen für dieses erste Ziel zu erreichen. Bis 1957 hatte Vinoba etwa 20.000 km zu Fuß zurückgelegt und etwa zwei Millionen Hektar Land zur Umverteilung geschenkt bekommen. [4]

Daniel

Während ihrer „Vinoba Yatra“ traf Hansa auch auf Daniel, ihren späteren Mann, der ebenfalls als „sarvodaya worker“ (oder auch „constructive worker“) in Vinobas Team arbeitete. Einschub: Eine „Yatra“ im Sinne der Sarvodaya-Bewegung ist ein längerer Marsch, meist im ländlichen Gebiet, bei dem ein politisches Anliegen verbreitet werden soll. Traditionell ist eine Yatra in Indien ein eher religiöser Pilgerzug. Da Gandhi und Vinoba beide sehr religiös waren, ist die Verwendung dieses Begriffs für ihre Aktionen wohl kein Zufall. Auch heute noch werden politische Umzüge innerhalb der Sarvodaya-Bewegung als Yatra bezeichnet. Übrigens ist Yatra auch ein häufig verwendeter Eigenname, eine unserer indischen FreundInnen heisst so. Daniel und Hansa trafen regelmäßig im Bhumiputra-Büro (siehe weiter unten) in dem Hansa arbeitete, zusammen. In diesem Büro heirateten sie 1960, allerdings ohne die in Indien übliche großangelegte Zeremonie.

Vinoba und seine Anhänger versuchten auf die bestehenden Probleme mit verschiedenen Kampagnen einzuwirken. Ein wichtiger Teil von Hansa’s Arbeit war, von Haus zu Haus zu gehen um den Menschen Vinobas Ideen zur Landschenkung (Budhan) nahezubringen und die Leute mit entsprechender Literatur zu versorgen oder die Zeitschrift „Bhumiputra“ (ein gandhianisches Journal der Sarvodaya Bewegung) zu vertreiben, für die Hansa’s Schwiegertochter (Michaels Frau) Swati gegenwärtig arbeitet. Die Basis ihrer Arbeit war nun ein Ashram im Bezirk Bharuch, direkt am Narmada. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch das „Gujarat sarvodaya mandal“, eine Einrichtung in der sich alle Sarvodaya-Aktiven jeden 7ten des Monats trafen um über ihre Aktionen zu beraten.

Daniel und Hansa lebten nach ihrer Heirat etwa 6 Monate in Ahmedabad (der Hauptstadt von Gujarat) nahe des Sabarmati-Ashrams in dem Daniel arbeitete und zogen dann für kurze Zeit nach Delhi, wo ihr erster Sohn Moses (der sich heute Anand nennt) geboren wurde. Von Delhi aus ging es dann aber relativ bald nach Bombay, die Stadt in der Daniel aufwuchs und seine eigentliche Basis-Gruppe hatte. Sie kamen 1962 erst mal für etwa einen Monat bei Daniels ältestem Bruder in Chembur (im östlichen Teil Bombays) unter, die Basis für ihre Sarvodaya-Arbeit war das „Mani Bhavan“. Dieses traditionsreiche Haus war 1917-1934 die Basis für Gandhis Aktivitäten und ist heute Gedenkstätte und Museum.

Hansa und Daniel

Ohne Ort

Tagsüber blieb Hansa zusammen mit ihrer Schwägerin im Haus und versorgte den kleinen Moses, was wohl zu der Zeit eine ziemliche Herausforderung war, weil Moses, wie man heute sagen würde, ein „Schreikind“ war. Außerdem wurde von ihr erwartet, für alle Familienmitglieder zu kochen, sodass Hansa von allen Seiten ziemlich unter Druck stand. Es folgte der nächste Umzug in den Stadteil Sion, wo sie für ein paar Monate bei befreundeten Sarvodaya-Aktivisten unterkamen. Schließlich vermittelte Daniels Schwester den beiden einen kleinen Raum im Stadtteil Malad (im Westteil Bombays), diesmal Freunde der Schwester und keine Gandhianer sondern Sozialisten. In der Nähe war ein weiteres Sarvodaya-Zentrum, in dem Hansa nachmittags arbeitete, Daniel verließ das Haus meist schon früh.

Allerdings wollte der Besitzer den Raum nach wenigen Monaten zurück und es gab einen weiteren Umzug wo sie kurz in einer früheren Unterkunft von Daniels Familie (zusammen mit Daniels Eltern) wohnten. In dieser Situation ist Hansa wohl endgültig der „Kragen geplatzt“, und sie machte ihrem Sarvodaya-Team klar, dass es so nicht weitergeht. Ein Sarvodaya-Kollege setzte sich daraufhin mit einer Gruppe in Mulund (ganz im Nordosten Bombays) in Verbindung und für eine Kaution von 500 Rs bekamen sie einen kleinen Raum mit Veranda und Außenklo, wo sie weitere 11 Monate wohnten. Daniel verließ wie schon bisher morgens früh das Haus um zur Arbeit zu gehen, kam nun aber Mittag nach Hause, später am Nachmittag zu dann Hansa los, um Bücher und Abos zu verkaufen und für Sarvodaya zu werben. Beide bekamen übrigens für ihre Arbeit ein festes Gehalt, von dem sie halbwegs leben konnten. Zu dieser Zeit waren die heutein Bombay gängigen „cooperative societies“, also Eigentümergemeinschaften mit Wachpersonal usw noch nicht üblich, die meisten Menschen lebten individuell in eigenen, freistehenden Häusern. Die meisten Männer waren tagsüber unterwegs und Hansa ging von Haus zu Haus, wurde häufig eingelassen und schloss schnell Kontakt zu den in ihrer Umgebung lebenden Frauen.

Allerdings gab es auch hier wieder Probleme mit dem Besitzer, er verlangte eine höhere Kaution und Miete. Mitlerweile hatten Hansa und Daniel aber ein gutes Netzwerk von Bekannten und Freunden aufgebaut, das ihnen einen Kontakt zu jemand vermittelte, der gerade die Absicht hatte zu bauen. Die zwei Wohnungen des zuerst fertig gestellten Erdgeschoss wurde daraufhin an eine Marathi-Famile und Hansa und Daniel vergeben, sie wohnten jetzt für damalige Verhaltnisse gut ausgestattet mit drei Räumen, Klo und Badezimer. In diesem Haus („Shanti Kutir“) hatten sie zum ersten mal eine feste Bleibe und blieben dort, bis sie in den 1985 in den Stadteil Kurla umzogen.

Hansa und Nichten

Hansa und ihre Nichten

Sarvodaya

Hansa ging weiterhin ihrer Tätigkeit im lokalen Umfeld ihrer Wohnung nach und erwarb sich dort schnell einen großen Freundeskreis, von denen ihr viele bis auf den heutigen Tag eng verbunden sind. Besonderer Schwerpunkt war ihre Arbeit mit den Frauen, die sie versuchte zu fördern und die Organisation von „camps“ und Versammlungen zur Mobilisierung und Weiterbildung von Frauen und Mädchen. Daneben war sie natürlich wie Daniel eng dem „Central Mandal Mani Bhavan“ (siehe oben) verbunden. Am Anfang ihrer Zeit in Bombay musste sich Hansa wohl erst mal an das städtische Leben gewöhnen, weil sie bislang nur das ländliche Leben kannte, der Wechsel nach Bombay war eine große Herausforderung für sie, und sie brauchte etwas Unterstützung von ihren Sarvodaya-Freunden um den Wechsel zu meistern.

Michael kam dann 1965 zur Welt, und zwar an dem Ort wo heute das Rutchi-Restaurant (in der Nähe des Bahnhofs Mulund), das viele der internationalen Gäste von Hansa und Daniel kennen dürften. Moses (Anand) und Michael waren, nachdem sie dem Kleinkindalter entwachsen waren, offensichtlich sehr „pflegeleicht“. Während Hansa arbeitete, konnten sie gut auf sich selber aufpassen oder spielten mit ihren Freunden – gelegentlich kam Daniels Mutter, um auf sie aufzupassen. Sie reisten in den Schulferien oft mit Hansa, wenn diese zu Zusammenkünften quer durchs Land fuhr, gelegentlich bekamen sie auch auch eine Ausnahmegenehmigung, um der Schule während der Reisen fern zu bleiben. Beide zeigten in ihrer Jugend zunehmend Interesse am Sarvodaya, gefördert von den Sarvodaya-Aktivisten, die zu Hause ein- und ausgingen. Sie verbrachten in ihrer Jugend viel Zeit in Vinobas Frauen-Ashram in Paunar und hatten oft direkten Kontakt mit Vinoba, der mit ihnen redete. Michael suchte nach der Schule einen Studienplatz als „mechanical engeneer“, konnte aber in der Nähe nichts passenden finden, sodass er dann „textile engeneer“ in Baroda studierte. Anand nahm dagegen eine Arbeit in einer „corporation bank“ auf. Beide sind heute (wie auch Michaels Frau Swati) Vollzeit-Aktivisten in der Sarvodaya-Bewegung (an anderer Stelle im Blog dazu mehr).

In der Mitte der 60er hatte die Sarvodaya Bewegung auf das politische Leben in Indien einen großen Einfluss, nicht zuletzt wegen der Persönlichkeit von Vinoba und Jayprakash Narayan.

Letzterer war eine wichtige Figur im indischen Freiheitskampf, beim Studium in der USA wandte er sich dem Marxismus zu und wurde nach seiner Rückkehr in Indien politisch aktiv und ein Schüler und enger Vertrauter Gandhis, für den er 1942 den gewaltlosen Widerstand der Quit India Bewegung organisierte, als Gandhi und die meisten Mitglieder des indischen Nationalkongresses von den Briten inhaftiert worden waren (siehe oben) [5].

Weitere politische Themen der 60er waren der Krieg mit China und Pakistan, die Kern der Diskussionen in Sarvodaya-Bewegung war. Anfang der 70er musste Hansa 14 Monate ohne Daniel auskommen, da er wie viele andere Sarvodaya-Aktivisten im Rahmen der Notstandsgesetze von Indira Gandhi im Gefängnis saß. Sie war trotzdem sehr aktiv und blieb immer nah an Vinoba.

1985 dann wie gesagt der Wechsel nach Kurla, die Hintergründe dafür und die weitere Zeit werde ich vielleicht etwas genauer beschreiben, wenn ich etwas zum biografischen Hintergrund von Daniel schreibe. Aber Hansas biografischer Mittelpunkt war immer Mulund, wo sie 22 Jahre arbeitete und bis heute ihr soziales Umfeld hat. Dazu kommen intesive Kontakte zu Frauengruppen in den Stadtteilen Santa Cruz und Vile Parle sowie häufige und ausgedehnte Reisen in Indien im Kontext von Budhan, sowohl alleine als auch häufig mit Daniel – schwerpunktmäßig zu Zusammenkünften mit Vinoba, den alljährlichen Konferenzen und den Ashrams und Sarvodaya-Gruppen überall im Lande.

talk mit Hansa

[1]-[5] sind teilweise (und teils überarbeitet) aus der Wikipedia entnommen.