Einsreise – ein herzliches Willkommen der Wechselstuben

Indien, Dezember 2016

Schnellkurs in Kapitalismus

Ein Wirtschaftsystem ohne Geld ist ja eigentlich eine Vision Gandhis und seiner Bewegung, auch die unserer Freunde aus der Sarvodaya-Bewegung. Im Augenblick ist Indien dieser Vison ganz nahe, allerdings eher unfreiwillig. Die Maßnahme der indischen Regierung, alle 500er und 1000er Noten für ungültig zu erklären stürzt das Land ins Chaos und trifft vor allem den ärmeren Teil der Bevölkerung (vor allem die ohne Bankkonto) mit voller Härte. Und treibt die Touristen zur Verzweiflung.

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Das gerade alltägliche Bild: Lange Warteschlangen an den Geldautomaten, bevor eingekauft werdern kann.

Am Flughafen das erwartete Drama ums Bargeld. Statt der üblichen 73 Rupien pro Euro legen die diversen Wechselstube einen Kurs von 1:66 zugrunde, aber es gibt ja offensichtlich keine Alternative und die Schlangen sind alle gleichlang. Man hat hier augenscheinlich ein feines Gespür für die Lage. Umgetauscht werden nur Devisen (Dollar, Euro etc.) nach Rupien, der Umtausch von alten Banknoten in neue ist seit Ende November nicht mehr möglich. Auf Kreditkarten gibt’s ebenfalls kein Geld, weder am Flughafen, noch bei den Banken oder sonstigen Wechselstuben. Weiterhin sind diverse Gebühren zu zahlen (Service Tax, Swacch Bhara Cess, Krishi Kalyan Cess usw, was auch immer all das bedeutet), der Auszahlungsbetrag schmilzt dahin wie Schnee in der Sonne, bis er sich bei 1:50 einpendelt. Also etwa ein Drittel Abzüge, soviel nehmen nicht mal die Zocker auf dem Schwarzmarkt.

Außerdem werden entweder nur 40 € oder 70 € getauscht, weil das gerade so hinkommt, dass man entweder einen oder zwei 2000-Rs Schein bekommt, plus ein paar wenige Scheine Kleingeld. Mit den neuen 2000-Rs Scheinen kann man aber nicht viel anfangen, denn die restliche Bevölkerung hat ja auch kaum Bargeld und kann nicht rausgeben. Außerdem bekommen Touristen wie schon ausgeführt maximal 5000 Rs pro Woche, das reicht natürlich beim weitem nicht, noch nicht mal fürs Essen, geschweige denn für Unterkunft. Wir haben ja glücklicherweise Freunde vor Ort, die uns weiterhelfen, aber wer hier keine Kontakte hat, ist komplett aufgeschmissen.

Nach dem Tauschen geht es weiter auf der Via Dolorosa zum Prepaid Taxi. Wer einmal am Flughafen Mumbai mit Taxifahrern einen Preis ausgehandelt hat, weiß warum wir nur noch Prepaid buchen. Der Prepaid-Counter macht zwar einen „offiziellen“ Eindruck, wird aber privat betrieben und was dort passiert ist zwar besser als direkt mit den Taxifahrern zu verhandeln, aber grenzt immer noch an räuberischer Erpressung. Es gibt eine offizielle „chart“, eine Liste von fixen Preisen, auf die man per Aushang hingewiesen wird. Es ist kaum möglich, diese einzusehen, sie dürfte in etwa so scharf bewacht werden wie die Aktivierungs-Codes für US-Atomraketen. Soweit ich weiß, liegen die offiziellen Preise für eine Fahrt vom Flughafen nach Mulund (unsere Unterkunft) per Non-AC Taxi bei etwa 500 Rs. Wenn man bereit ist, sich am Prepaid-Counter rumzustreiten (mit einer langen Schlange hinter sich), kommt es auf etwa 700-800 Rs raus. Der Herr am Counter allerdings sieht meinen teuer erkauften 2000 Rs Schein und meint das passt.

Es gelingt mir, ihm verständlich zu machen, dass ich keinen Hubschrauber brauche, sondern dass ein einfaches Taxi reicht. Dies wird mir zunächst für 1500 Rs angeboten, also immer noch doppelt so hoch, wie sonst. Ich lasse mich von der langen Schlange hinter mir nicht unter Druck setzen und fange an mit ihm zu plaudern, über seine Familie, über Mumbai und Indien, halt was man so mit Leuten redet. Irgendwann meint er plötzlich, es gebe ganz überraschend doch ein Non-AC Taxi für 1000 Rs. Da es mitten in der Nacht ist und ich vermutlich sonst hier kaum weg komme, schlage ich ihm schließlich vor, dass ich die 1000 Rs akzeptiere, wenn er mir auf meinen 2000 Rs Schein passend raus gibt – was mich erst mal mit etwas Kleingeld versorgt.