Besuchsprogramm in Gujarat

Mitte bis Ende Januar

Tage ohne Lücken

Unser Gujarat-Programm setzt sich immer aus diversen Privat-Besuchen zusammen: Zuerst Michael im Adivasi-Dorf Mozda, dann Kanti und Yatra in Kantidra, ein Dorf direkt am Narmada-Fluß, in dem je zur Hälfte Adivasis und Hindus wohnen, dann Rajpipla, eine ehemalige Königsresidenz, ebenfalls in der Nähe des Narmadas, wo Michaels Bruder Anand ein Zentrum für politische Aktivisten betreibt und schließlich die Bezirkshauptstadt Baroda (oder Vadodara, wie es jetzt heisst), wo Michaels Frau Swati eine Wohnung hat und sich gerade mit ihren Eltern aufhält.

Privatbesuche sind in Indien ein ziemliches Kontrastprogramm zum touristischen Reisen. Das fängt damit an, dass man Gegenden zu sehen bekommt, die touristisch nicht erschlossen sind, die man also auf eigene Faust kaum bereisen könnte (keine Unterkunft, Verständigung schwierig, Transport sehr anstrengend). Außerdem sind dort idR Regel keine anderen Westler, geschweige denn Touristen unterwegs, man fällt also entsprechend auf, was manchmal ganz nett ist, die Dauerbeobachtung kann aber auch anstrengend werden.

In einer indischen Familie gibt es üblicherweise kaum Rückzugsmöglichkeiten und so gut wie keine Privatsphäre, entspanntes Rumlümmeln wie man es vielleicht sonst mit Urlaub verbindet, ist daher eher unwahrscheinlich. Darüber hinaus genießt man als Gast oft die volle Aufmerksamkeit der GastgeberIn, sodass man kaum eine Minute seine Ruhe hat, InderInnen haben idR ein stark ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis, auch Sprachbarrieren sind da idR kein unüberwindliches Hindernis.

Eine wirklich nette Seite des Ganzen ist aber, dass man tiefe Einblicke in eine Kultur bekommt, wie sie fremder EuropäerInnen nicht sein könnte – so ein Haushalt ist meist ein gut durchorganisierte Angelegenheit, es gibt tausend Kleinigkeiten, deren Sinn sich häufig nicht sofort erschließt und ebenso viele Aha-Erlebnisse wenn dann endlich der Groschen fällt. Leider gibt es auch viel, was man falsch machen kann, insbesondere was das Thema Hygiene betrifft, wer das erste mal in Indien unterwegs ist, wird von einem Fettnäpfchen ins nächste treten und das idR kaum mitbekommen, weil die InderInnen viel zu höflich sind, entsprechende Rückmeldungen zu geben. Erst wenn man mit der Familie sehr vertraut ist, wie es bei uns der Fall ist, wird man sich klar, wie oft man in der Vergangenheit wohl entsprechende Empfindlichkeiten verletzt hat und mit welch stoischer Duldsamkeit die Gastgeber die westlichen Elefanten im Porzellanladen ertragen.

Das wirkliche Highlight des indischen Familienlebens ist aber das Essen, ganz besonders bei den Gujaratis, die in ganz Indien als besondere Leckermäuler bekannt sind. Selbst nach fast 20 Jahren sind Sabine und ich immer wieder von der Vielfalt und der Köstlichkeit der Küche Gujarats überwältigt, die zumindest bei den Hindus meist streng vegetarisch ist. Ich habe in den Reiseberichten vergangener Jahre der Beschreibung dieser Leckereien immer viel Platz eingeräumt, und doch fällt es mir immer noch schwer das irgendwie in Worte zu fassen. Wirklich schade ist, dass man kaum eines dieser Rezepte in irgendeinem Restaurant bekäme, nicht in Indien und schon gar nicht bei uns im Westen, der im Wesentlichen mit immer der gleichen Speisekarte leben muss, die hauptsächlich von der Küche Punjabs bestimmt ist. Wer also Indien bislang nur aus der touristischen Perspektive erlebt hat, ahnt gar nicht, was ihm/ihr da entgeht. Der Haken an der Sache ist nur, dass die Zubereitung dieser Köstlichkeiten oft ein Heidenaufwand bedeutet, und da man als Gast gerne mit anpackt (wenn man darf), geht ein großer Teil des Tages mit kochen und abwaschen drauf – was die Freiräume fürs faulenzen noch mehr als ohnehin schon einschränkt.

Bei unseren indischen Gastgebern geht es im Vergleich zu sonstigen indischen Familien vergleichsweise wenig traditionell zu, was zum einen daran liegt, dass diese relativ häufig Kontakt mit Westlern haben und eher mal was sagen, außerdem stehen alle unsere Freunde in Gujarat (vielleicht mit Ausnahme von Kanti und Yatra) wegen ihrer politischen Aktionen immer sehr unter Druck und machen daher bei der Traditionspflege leichte Abstriche. Da wir uns aber mittlerweile einen Zweijahres-Rhythmus für unsere Indien-Besuche angewöhnt haben stellen sie für die paar Tage, die wir meist pro Station einplanen, ihre Arbeit etwas zurück und wir haben viel Zeit miteinander, was wir als ziemliches Privileg empfinden, denn normalerweise gibt es in ihrem Zeitplan wenig Raum für Privatleben (was in ihrer politischen Szene auch etwas verpönt wäre).

Ach, ich würde gerne noch viel mehr zu den Details unserer Zeit in Gujarat schreiben, aber mittlerweile sind wir wieder bei Daniel in Mumbai und morgen früh soll es schon los nach Bangalore gehen, wo wir Lea besuchen, vielleicht meinen Cousin Thomas sehen und nach nach kurzem Aufenthalt nach Kottayam ins Nature Cure weiterfahren. Aber ein kleines Erlebnis will ich noch erwähnen. Als wir in Rajpipla Thoralf zum Bus nach Baroda bringen, werden wir von zwei Journalisten einer lokalen Zeitung angesprochen. Die beiden finden es offensichtlich sensationell, dass wir mit einem der hiesigen Busse fahren und nicht in einem vollklimatisiertem Auto, wie es hier wohl dem gängigem Klischee entspricht. Man macht ein Foto und stellt uns diverse Fragen und einige Tage später finden wir uns mit Foto und Text auf der Seite 1 ganz oben wieder und weiter hinten im Blatt steht ein ausführlicher Bericht über uns. Der Text ist, naja, etwas frei zusammenfabuliert, von dem was da gedruckt wird haben wir kaum etwas so gesagt. Besonders schön ist, dass aus unserem Aufenthalt in einer Naturheilklinik („nature cure“) eine politische Aktion zur Rettung der Natur gemacht wurde („nature cure“). Aber wir sind aufs äußerste erheitert.