Attentate auf Rationalisten

Indien, Oktober 2015

Malleshappa Madivalappa Kalburgi

Auf politischer Ebene stehen im Augenblick Attentate rechter Hindu-Fundamentalisten auf prominente linke Aktivisten im Fokus. Aktuell betrifft dies den Mord an Malleshappa Madivalappa Kalburgi (77, Professor an der Kannada University in Karnataka), ein in Indien bekannter „Rationalist“, der in einer Reihe mit weiteren Morden an Rationalisten wie Narendra Dabholkar (67) und am kommunistischen Führer Govind Pansare (81) steht.

Protest against kalburgi murder at Kollam. poet Inchakad Balachandran inagurates sep 2015

Protest against kalburgi murder at Kollam. poet Inchakad Balachandran inagurates sep 2015, Lizenz: Wiki Commons by Fotokannan

Indische Rationalisten (siehe Wikipedia) setzen sich für wissenschaftlich-kritisches Denken ein und bekämpfen Aberglauben und Pseudo-Wissenschaften, eng verwandt mit den im Westen bekannten „Skeptikern“ (einen guten und unterhaltsamen Einstieg bieten die deutschsprachigen Skeptiker-Podcasts unter hoaxilla). Die Rationalisten stehen damit im direkten Widerspruch und Konflikt mit den indischen Hindu-Fundamentalisten, deren derzeit prominentester Vertreter der indische Ministerpräsident Modi ist. Letzterer hat sich schon in der Vergangenheit durch wegschauen bekannt gemacht, wenn es um rechte Gewalt von Hindus ging. Auch in diesem Fall wird ihm vorgeworfen zu wenig zur Aufklärung der Morde beizutragen.

Als Reaktion haben über 250 indische Schriftsteller, Wissenschaftler und Filmschaffende ihre Literaturpreise (z.B. solche die von der „Sahitya Akademi, National Academy of Letters“ verliehen wurden) und andere Auszeichnungen zurückgegeben – ein empfindlicher Schlag gegen die Modi-Regierung. Sie protestieren damit gegen die Einschränkungen von Redefreiheit und der säkularen Tradition Indiens. Salman Rushdie und westliche Autoren unterstützen die Aktion. Der National Academy of Writers wird vorgeworfen, sich den vorangegangenen Morddrohungen gegen Malleshappa Kalburgi nicht entschieden entgegen gestellt zu haben. Hintergrund: Die Akademie bekommt Funds von der hindunationalistisch geführten Zentralregierung unter Modi, der eine Politik der religiösen Intoleranz zu verbreitet. Im Oktober wurde in Delhi ein Moslem von einem Hindu-Mob ermordet, weil er (angeblich) eine Kuh wegen ihres Fleisches geschlachtet hat. Auch hier hat Modi lange gezögert, der Familie des Opfers sein Beileid auszusprechen. Wäre ein Hindu von Moslems getötet worden, hätte Modi sicher schneller reagiert. Zur Zeit versucht Modis Partei, die BJP landesweit ein Verbot von Kuhschlachtungen durchzusetzen. Unsere Bundeskanzlerin war übrigens vor wenigen Wochen in Indien und hat sich mit Herrn Modi intensiv ausgetauscht. Dabei ging es allerdings weniger um seine hindu-fundamentalistische Politik, sondern darum, für deutsche Unternehmen Investitionshemnisse abzubauen. Was dabei in der deutschen Presse (leider auch in der taz) nicht erwähnt wird ist, dass ein „investionsfreundliches Klima“ in Indien idR eine massive Einschränkung von Arbeitnehmerrechten und Umweltschutzauflagen bedeutet.