Ambedkar und Spülbürsten

9.1.2012

Dalit Power und die Thermodynamik der Einsteigens

Inzwischen habe ich mich schon wieder gut eingelebt mit Daniel in Mumbai. Morgen kommen Wanja & Leona, Daniel und ich verbringen die Tage bis dahin mit Chai trinken und Gesprächen und haben eine Menge Spaß. Nachmittags geht es mit Daniel downtown nach Byculla. Da die Züge innerhalb Mumbais meist so voll sind, dass man kaum reinkommt, und wenn, dann nur äußerst unbequem zwischen den anderen Fahrgästen eingequetscht steht, fährt Daniel grundsätzlich nur per Bus in die Stadt, je nach Verkehrslage kann das mehrere Stunden dauern. Es gibt aber mittlerweile einen sogenannten AC-Bus (AC ist air condition), der zwar etwas teurer ist und eher einer Gefriertruhe auf Rädern gleicht, aber er fährt überwiegend Autobahn und schafft die Strecke nach Byculla in 45 Minuten. Dort wird heute ein „Jai Bhim Comrade“, ein Dalit-Dokumentarfilm von Anand Patwardhan („War and Peace“, „Narmada Diary“) gezeigt. Der Film behandelt eine Polizeiaktion in 1997, bei dem 10 Dalits erschossen wurden und widmet sich dem linken Poeten und Sänger Vilas Ghogre, der sich aus Verzweiflung über dieses Geschehen umbrachte. „Bhim“ ist die Kurzform von Bhimrao Ramji Ambedkar (1891 – 1956), ein indischer Rechtsanwalt, Politiker, Sozialreformer und Führer der Dalits (auch Unberührbare oder Kastenlose genannt).

Ambedkar stammte selber aus einer Dalit-Familie und lernte schon früh, was Diskriminierung bedeutet. Erst als ein Lehrer ihm den Gebrauch des brahmanischen Familiennamens Ambedkar anbot, konnte er dank eines Stipendiums studieren, zunächst in Indien, später in New York, London und Deutschland. Ab 1923 arbeitete er als Rechtsanwalt nach Indien, bekleidete hohe Regierungsämter und setzte sich ganz für die Rechte der Dalits ein – die übrigens von Gandhi Harijan („Kinder Gottes“) genannt wurde. Ambedkar hingegen bevorzugte den Begriff „Dalit“, die eine Eigenbezeichnung der unberührbaren Kasten ist und ein kämpferisches Element enthält. Auch später gab es zwischen Ambedkar und Gandhi Kontroversen: Während Gandhi auf strikte Gewaltfreiheit bestand, schloß Ambekar Gewalt zur Befreeiung der Dalits nicht grundsätzlich aus. Ambedkar schaffte es die Dalits im großen Maßstab zu mobilisieren und es kam zu heftigen Zusammenstößen mit den führenden Kasten der Hindus sodaß es Ambedkar letzlich als notwendig ansah, die Dalits zur Konvertierung vom Hinduismus zum Buddhismus zu bewegen, was auch bis heute im großen Stil passiert. Das geschieht zwar bis heute nicht konfliktfrei aber immerhin erreichte Ambedkar dass das »Rad der Lehre« (dharmacakra), das Symbol des Buddhismus, in die Nationalflagge Indiens aufgenommen wurde, außerdem wurde das „Löwenkapitell“ des buddhistischen Kaisers Ashoka zum Staatswappen der indischen Republik.

Ambedkar wurde 1947 Justizminister der ersten Regierung des unabhängigen Indiens und arbeitete die indische Verfassung aus, trat aber 1951 aus Frustration über die politische Entwicklung in Indien zurück. Gleichwohl darf Ambedkar wohl als der einzige Politiker der indischen Geschichte gelten, der bis in die Gegenwart hinein die indische Gesellschaft prägt, selbst seine erbittersten Feinde von damals, z.B. die Hindu-Fundamentalisten wie die heutige hindu-faschistische BJP schmückt sich mit seinem Konterfei – was sie freiliche nicht davon abhält schlimme Gewaltexzesse gegen andere Religionen, neben Moslems und Christen auch die Buddhisten, zu initiieren.

Interessant ist das Screening nicht nur wegen des Themas und der Anwesenheit von Anand Patwardhan, sondern auch weil sich im Publikum alles versammelt, was in der Szene der linken Aktivisten von Mumbai Rang und Namen hat. Der Film selber ist gut aber etwas weitschweifig, er geht fast 3 ½ Stunden und enthält viele Widerholungen, fast ist er eine Enyklopädie der Geschichte der politischen Bewegung der Dalits der letzten 20 Jahre. Allerdings haben Daniel und ich dasselbe Problem (und wohl auch viele andere im Publikum), nämlich dass das Klo nur schwer zu erreichen ist, und so gehen wir nach der ersten Hälfte und sind froh, dass wir schließlich eine Möglichkeit in der Nähe des Bahnhofs finden uns zu erleichtern. Allerdings ist das Interieur dieser Anstalt etwas gewühnungsbedürftig, beim Anblick fallen mir alle meine Sünden ein und ich schicke ein kleines Stossgebet auf die Reise, auf dass ich rechts und links von mir nichts berühre und ohne gesundheitliche Folgen davonkomme.

Die Rückfahrt mit Mumbais Stadtbahn ist wie immer ein Ereignis. Solange es genug Platz gibt, sind die Inder von erlesener Höflichkeit. Mir ist es schon häufiger passiert, dass sofort eine Entschuldigung folgt, wenn man mich auch nur sanft berührt, z.B. beim sitzen auf den schmalen Bänken mit dem Knie. Meist geht die rechte Hand dann erst zum Knie und dann zu Herzen, das machen die meisten ganz instinktiv. Wenn es dann voller wird, schwindet die Rücksichtnahme und es wird ohne Rücksicht auf Verluste geschubst und gedrängelt. Bei Kampf um die letzten Stehplätze kommen dann die Fäuste zum Einsatz.

Bei der Nutzung des Wageninneren gibt es verschiedene Strategien, wie man möglichst viele Leute auf engem Raum packt. Wenn an einer Stelle eher etwas kräftig gebaute Leute stehen, setzt man auf die sogenannte Wechselatmung, d.h. man steht Bauch an Bauch und während der eine einatmet, atmet der andere aus. Steht man Bauch an Rücken und ist in etwa gleich groß, ist die Löffelchenstellung beliebt: Man passt die Vorderseite des eigenen Körperprofils der Rückseite des Vordermanns an. Die Kartoffel-Erbsen Stellung empfiehlt sich bei unterschiedlich großen Leuten. Die etwas kräftiger gebauten sind die Kartoffeln, die man zunächt möglichst platzsparend positioniert und verfüllt die verbleibenden Lücken mit den Erbsen, d.h. den schmächtigeren Fahrgästen.

Bekanntlich besteht ja Materie überwiegend aus Leerraum: Könnte man alles dicht an dicht packen, würde ein ganzer Planet auf Kirschkerngröße schrumpfen. Mit Menschen ist man leider noch nicht ganz soweit, aber eine Vorstufe dieses Materiezustands lässt sich in den Zügen Mumbais durchaus beobachten; Das sogenannte Plasma, in dem Elektronen ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Atomen aufgeben und statt dessen mit diesen einen gasförmigen Zustand einnehmen, der sich gut komprimieren lässt. Wenn die Anzahl an Menschen pro Quadratmeter eine bestimmten Schwelle überschreitet, dann entsteht ein Zustand, der sich mit einem Plasma durchaus vergleichen lässt: Man gibt seine Individualität komplett auf und wird Teil eines größeren Ganzen. Wenn sich der Zug dann wieder leert, bilden sich wieder feste Strukturen und man fällt wieder auf sein armseliges Selbst zurück.

Das Ein- und Aussteigen lässt sich deutlich in mehrere Phasen gliedern. Phase 1. Die „platzende Tomate“. Aus der Tür wölbt sich anfangs langsam, dann immer schneller eine Blase von Körpern nach außen, die irgendwann platzt und Menschen in alle möglichen Richtungen spritzen lässt. 2. Das „antizyklische Einsteigmanöver“. Der Gewalt der aus dem Zug quellenden Menschen kann zunächst keine Macht der Welt etwas entgegensetzen. Wartet man allerdings, bis der Partialdruck der aussteigenden Menschen soweit nachlässt, dass man sich etwas Hoffnung auf ein Diffundieren in das Wageninnere machen kann (das wäre das „zyklische Einsteigemanöver“), ist es meist zu spät. Besser ist, man stellt sich direkt neben den Rand der Türöffnung. Durch die ausströmenden Menschen entsteht direkt an den Türseiten ein Unterdruck, der einen zunächst an das Zugäußere presst, anstatt dass man wie die frontal Wartenden vom Zug weg auf den Bahnsteig geschoben wird. Dann verkrallt man sich an den Türkanten, verkeilt einen Fuß an der Türöffnung und setzt den Körper oberhalb des Kniegelenks als Hebel ein. Mit dem Knie treibt man einen kleinen Spalt zwischen Tür und ausströmenden Menschen, den man mit etwas Krafteinsatz schnell vergrößert und sich durch ihn hindurch in der Wageninnere schwingt, das muss aber blitzschnell gehen, weil man so ein Kraftmoment nur kurz aufrechterhalten kann.

3. Die dritte Phase ist würde ich die „poppenden Spülbürsten“ nennen. Man stelle sich vor, dass man zwei Spülbürsten mit den Borsten aufeinander drückt. Zunächst kommt man gut vorwärts, dann wird es etwas schwieriger und schließlich geht gar nichts mehr. Dieser Zustand ist erreicht, wenn zwischen einströmenden und ausströmenden Menschen ein thermodynamisches Gleichgewicht entsteht und keiner mehr rein oder rauskommt. Allerdings entsteht durch Konvektion nach einer gewissen Zeit eine Umverteilung sodass an bestimmten Stellen Leute rauskommen und an anderen Stellen Leute rein. Am Ende allerdings dominieren die einströmenden Menschen und wer es bis dahin nicht rausgeschafft hat, bleibt drin und hofft dass ihn bei der nächsten Station die dann erneut einsetzende Peristaltik nach außen spült.