Aamir Khan

Indien, November 2015

Aufruhr um ein Interview

Am 23. November 2015 gab ein indischer Schauspieler anlässlich der Verleihung des „Ramnath Goenka Awards for Excellence in Journalism 2015“, bei der Journalisten für ihre Arbeit ausgezeichnet werden, dem Moderator Anant Goneka ein Interview, indem er seine Sorge über die wachsende Intoleranz in Indien ausdrückte. Innerhalb kürzester Zeit stürzten sich die Medien darauf, das Thema beherrschte tagelang die Abendsendungen im Fernsehen und die Schlagzeilen der Zeitungen. Kaum eine Person des öffentlichen Lebens, die sich nicht dazu äußerte. Drei der international bekanntesten indischen Schauspieler, nämlich Om Puri, Naseeruddin Shah und Anupam Kher distanzierten sich in scharfen Worten von ihrem Kollegen und beteuerten ihren Patriotismus und dass es in Indien ihrer Meinung nach keine wachsende Intoleranz gebe.

Dieser Vorgang ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert, daher an dieser Stelle einige Hintergrundinformationen dazu. Zunächst zu dem betreffendem Schauspieler, der natürlich kein x-beliebiger ist sondern zu Indiens erfolgreichsten gehört – kommerziell (bezogen auf die Erlöse an den Kino-Kassen) vermutlich der derzeit erfolgreichste: Aamir Khan.

New Delhi: Aamir Khan spricht anlässlich der Verleihung des "Ramnath Goenka Awards for Excellence in Journalism 2015"

New Delhi: Aamir Khan spricht anlässlich der Verleihung des „Ramnath Goenka Awards for Excellence in Journalism 2015“

Er wurde 1965 in Mumbai als Mohammed Aamir Hussain Khan in eine Film-Familie hinein geboren – Vater und Onkel waren ebenfalls Filmschaffende – und ist ein Nachfahre von Abul Kalam Azad, einem persischen Tadschiken aus Herat, der später indischer Schriftsteller, Freiheitskämpfer und Minister wurde. A.K. ist in zweiter Ehe mit Kiran Rao verheiratet, die beiden haben einen Sohn. A.K. ist in vielfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Künstler, außer als Schauspieler ist er auch als Regisseur und als Produzent tätig, er gilt als Perfektionist – im Gegensatz zu den meisten seiner KollegInnen dreht er immer nur einen Film gleichzeitig. 2011 war Jury-Mitglied der Berlinale, seit März 2012 ist Khan in der indischen Fernsehsendung Truth Alone Prevails Talkgastgeber. Die Sendung erreicht historisch phänomenale Einschaltquoten in Indien mit wöchentlich mehr als 470 Millionen indischen Zuschauern.
(Quelle: Wikipedia).

Das erste mal, dass ich auf ihn aufmerksam wurde, war 1996 mit dem Erfolgsfilm „Raja Hindustani“, der damals als Video in Dauerschleife bei vielen Busfahrten lief. Im bekanntesten Track aus dem Film fängt der Refrain mit „Pardesi, pardesi, jana nahi“ (Fremder, Fremder gehe nicht). Diesen Refrain hörte man seinerzeits egal wo man war – selbst in den von uns regelmäßig besuchten Adivasi-Dörfern – von morgens bis abends aus allen Lautsprechern, bis heute wohl einer der gängigsten Ohrwürmer, man hört den Song sogar jetzt noch (fast zwanzig Jahre später) regelmäßig in Berliner indischen Restaurants. In seinen Filmen spielt er oft den tragischen Helden, zum Schluss geht es aber (fast) immer gut aus. Mittlerweile ist er auch international weithin bekannt, bei internationalen Filmfestivals außerhalb der USA sticht er die Hollywood-Stars regelmäßig aus. Er ist offensichtlich auch bei der internationalen Prominenz ein gern gesehener Gast und wurde von diversen Spitzenpolitikern wie Obama und Putin zum Essen eingeladen.

Also ein Mainstream-Schauspieler, für den Erfolg alles bedeutet ? Wohl kaum. Nach meiner Wahrnehmung ist A.K. einer der ganzen wenigen „großen“ Filmschaffenden Indiens, die deutlich über den Tellerrand ihres Metiers hinaus schauen. Während fast alle KollegInnen sich an die veränderten politischen Verhältnisse der letzten Jahre angepasst haben und sich zu politischen Themen grundsätzlich nicht äußern, bezieht A.K. immer wieder Stellung. So hat er sich öffentlich mit den Leittragenden des Baus der Sardar-Sarovar-Talsperre am Narmada im indischen Bundesstaat Gujarat solidarisiert, worauf hin die in Gujarat regierende hindu-fundamentalistische BJP, deren damaliger Landeschef Modi nun indischer Regierungschef ist (und vor kurzem während seiner England-Reise im prall gefüllten Wembley-Stadion in Anwesenheit von Cameron seine reaktionären Phrasen dreschen durfte) ihren Mob in Bewegung setzte, der seine Filmplakate von den Wänden riss und verbrannte. In seinem sehr empfehlenswerten letzten Film P.K. greift er das Unwesen der hinduistischen Gurus in Indien, und damit indirekt die regierende BJP an. Auch in seinen anderen Filmen geht er aufs ganze. Sehr empfehlenswert der Film „Rang de Basanti“ (Die Farbe Safran), der sich um eine Gruppe von jungen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund dreht, die einen Dokumentarfilm zu Helden der indischen Freiheitsbewegung drehen, insbesondere zu Bhagat Singh und sich mehr und mehr mit ihren Helden identifizieren, bis sie sich entschließen, den indischen Verteidigungsminister zu töten, der die Schuld am Absturz eines Kampfjets hat, bei dem einer aus ihrer Gruppe stirbt. Das Ganze eskaliert in einer Radiostation, die von ihnen besetzt wird um über den Sender die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe des Anschlags auf den Verteidigungsminister zu informieren. Bei der anschließenden Polizeiaktion werden alle Mitglieder der Gruppe getötet. Einer der wenigen Filme A.K., der kein gutes Ende nimmt. Indien hat eine verhältnismäßig strenge Zensur, es ist sehr bemerkenswert, dass der Film nicht verboten wurde. Nicht nur das, er war sogar Indiens Vorschlag für eine Golden-Globe- und eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.

Übrigens ist A.K. einer von vielen „Khans“ die im indischen Kino erfolgreich sind wie Shah Rukh Khan (wird allgemein als der gegenwärtig erfolgreichste indische Schauspieler angesehen, aber da scharren mitlerweile einige mit den Hufen), Saif Ali Khan (ebenfalls sehr erfolgreich, aber nicht ganz so wie die anderen „Khans“, seit 2007 verheiratet mit Kareena Kapoor, eine der beliebtesten weiblichen Darstellerinnen Indiens und der bedeutenden Kapoor-Filmdynastie entstammend), Salman Khan (dem Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden und der wegen eines Tötungsdelikts bei einem Autounfall eigentlich zu fünf Jahren Haft verurteilt ist aber seine Haft bislang nicht antreten musste – was aber seiner Popularität keinen Abbruch tut) und Irrfan Khan (wie A.K. ein Ausnahmeschauspieler – in Indien eher verkannt, hat er in vielen internationalen Produktionen mitgespielt, ganz großartig in der indischen Produktion „The Lunchbox“), um nur einige der wichtigsten zu nennen. Die sind allerdings alle nicht miteinander verwandt, der gemeinsame Nachname „Khan“ deutet darauf hin, dass sie Moslems sind. Man mag auch an den „Khan“ aus Star Trek TOS und dem Kinofilm „Der Zorn des Khan“ denken, der heisst aber mit vollem Name „Khan Noonien Singh“, ist also Sikh (deswegen das „Singh“ am Ende).

Nun drängt sich Frage auf, wie ein Schauspieler, der nach indischen Maßstäben nicht mal besonders gut aussieht, Moslem ist und sich ständig mit den Mächtigen des Landes anlegt, so dermaßen erfolgreich sein kann. Ehrlich gesagt – ich habe keine Ahnung. Vielleicht liegt es einfach daran, dass er sehr gute Filme macht und sich deswegen einiges raus nehmen kann. Ein anderer Grund mag sein, dass er sich selber optimal präsentiert, das Interview, um das es hier geht mag ein gutes Beispiel sein – man kann es auf der Webseite der „Indian Express“ unter diesem Link nachlesen, dort gibt es auch den Videostream der Sendung. Das Interview ist sehr lesenswert. Ich selber hatte beim ersten Lesen offen gestanden nicht den Eindruck, dass A.K. hier überhaupt jemand angreift, er drückt sich durchweg sehr diplomatisch aus. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass man in Indien kritische Kommentare sehr viel vorsichtiger und indirekter äußert, und dass hinter den von Khans sorgfältig gewählten Formulierungen ein empfindlicher Subtext mitschwingt, der in Indien sehr aufmerksam wahrgenommen wird. So haben die Inder, egal ob rechts oder links ausgerichtet ein überwiegend ungebrochenes Verhältnis zum Patriotismus, was erklärbar ist wenn man an den Jahrzehnte langen Freiheitskampf gegen die Briten denkt, der bis heute identitätstiftend über alle politischen Lager hinweg ist. Im Subtext kratzt A.K. an diesem Patriotismus (ein wenig), was er natürlich nach dem Interview sofort dementiert, aber da ist die Diskussion schon im vollen Gange und alle beeilen sich zu versichern, dass ihre Liebe zur indischen Nation unangreifbar ist. Für uns Deutsche kaum nachzuvollziehen.

Was hat A.K. denn nun im Detail gesagt ? Im Weiteren einige seiner Äußerungen, die die Gemüter am meisten erhitzt haben. Da es bei der Veranstaltung um eine Preisverleihung für Journalisten ging, ging er zunächst auf die aktuelle Situation der Presse ein und meinte, es seien schwierige Zeiten für guten Journalismus in Indien. Wer mal eine indische Tageszeitung aufschlägt, sieht sofort, was er meint: Überwiegend Werbung, Lokales, Klatsch und das übliche „Bollywood massala“, also eine Mischung von Neuigkeiten über das Privatleben der Bollywood Stars, ihre glamourösen Auftritte, ihren Schmuck, ihre Autos, ihre Kleider – auch „ABCD“ genannt: „Astrology, Bollywood, cricket and devotion“, kaum Nachrichten über Landespolitik und Internationales nur, wenn es mit Film oder Sport zu tun hat. Allgemein herrscht wohl die Auffassung, dass man in Indien nur mit dieser Mischung erfolgreich sein kann. Dem widerspricht A.K. und fordert eine Presse ein, die sich über dieses Niveau erhebt – da zumindest scheint ihm die Zustimmung der anwesenden Journalisten und des „Indian Express“ sicher.

Er jedenfalls, so A.K. empfinde gelegentlich das Bedürfnis Dinge öffentlich auszusprechen und bisher habe er das trotz vielfacher Anfeindungen nicht bedauert. Er nimmt damit zunächst (indirekt) Bezug auf die aktuelle Kampagne, dass viele Künstler und Wissenschaftler ihre Auszeichnungen aus Protest gegen die Morde an Rationalisten zurückgeben, Details siehe in diesem Blog unter „Attentate auf Rationalisten“.

Er sagt, dass öffentlicher Protest legitim ist, unter der Voraussetzung, er sei gewaltfrei und das Recht werde nicht in die eigenen Hände genommen. Er verstehe den Protest, insofern er ein Unbehagen gegen die wachsende Intoleranz im Lande und eines Bedrohungsgefühls ausdrücke. Er selbst sei durch die Nachrichtenlage und einige Vorfälle alarmiert. Er sehe es als wichtig an, dass jede Gesellschaft die persönliche Sicherheit garantiere. Dazu gehöre, dass die Justiz tätig werde, wenn die Sicherheit der Bürger bedroht werde. Anmerkung von mir: In Indien existiert die Gewaltenteilung leider weitgehend nur auf dem Papier, die Justiz steht massiv unter politischer Kontrolle, wie man u.a. an der juristischen Aufarbeitung der Pogrome in Gujarat vor einigen Jahren sieht. Die juristische Aufarbeitung der Massenvergewaltigungen wird bis heute massiv politisch behindert, in diesem Zusammenhang steht der frühere Ministerpräsident von Gujarat Modi, heute Regierungschef von Indien, in der Kritik. Auch die massenhaften Anklagen gegen ArbeiterInnen, die für ihre Rechte kämpfen und die unzureichende juristische Behandlung der Entschädigungen für die vielen Menschen, die in den letzten 20 Jahren im Rahmen der massiven Industrialisierung Indiens aus verschiedensten Gründen zwangsumgesiedelt wurden, sprechen eine deutliche Sprache. A.K. legt hier als Prominenter einen Finger auf die Wunde, das trauen sich nur wenige aus der Filmbranche.

Zum zweiten fordert A.K. die Politik auf, ihrem Mandat gerecht zu werden und für die Sicherheit der Bürger tätig zu werden. Was impliziert, dass das momentan nicht passiert. Dabei greift er direkt die regierende BJP an und wirft ihr (allerdings eher indirekt) vor, die Menschen nicht zu schützen.

Schließlich kommt er auf seine persönliche Situation zu sprechen und spricht von einem zunehmenden Gefühl der persönlichen Bedrohung seiner Familie, was so weit geht, dass ihn seine Frau Kiran fragt, ob sie Indien (in dem sie ihr Leben lang lebten) nicht verlassen sollen. Man darf davon ausgehen, dass das mehr als eine Frage ist. Sie fürchte um die Sicherheit ihres Kindes und die Atmosphäre um sie herum mache ihr Angst, ja sie habe Angst, morgens die Zeitung aufzuschlagen. Sie fühle sich depressiv und niedergeschlagen und ihm gehe es ähnlich. An dieser Stelle entzündet sich die in den nächsten Tagen anschließende Debatte hauptsächlich, ihm wird vor allem unterstellt anti-patriotisch zu sein – wie schon erläutert gehört das in Indien zum schlimmsten, was man einer öffentlichen Person vorwerfen kann.

Interessant ist, dass hier selbst seine Schauspielerkollegen massiv gegen ihn Stellung beziehen. Om Puri meinte, dass er solche Aussagen ablehne, weil sie die Gesellschaft polarisieren – A.K. solle sich dafür entschuldigen und wäre er kein Prominenter, hätten ihn seine Aussagen sicher ins Gefängnis gebracht. Naseeruddin Shah bekräftigte bezogen aus A.K., dass er ein stolzer Inder sei und die Schauspielergemeinde sollte sich bei solchen Aussagen ihrer Verantwortung bewusst sein. Den Vogel schiesst Anupam Kher ab und wirft A.K. vor, dem Land, das ihn groß gemacht hätte, den Rücken zuzukehren und wohin er denn eigentlich wolle, wenn er Indien verlasse. Ein wahrer Patriot würde sein Land nie im Stich lassen. Anupam Kher ist übrigens Ehemann von Kirron Kher, die für die BJP im Landesparlament von Chandigarh sitzt.

Als nächstes wird A.K. auf das Thema „islamischer Terrorismus“ angesprochen. Auch hier wird A.K. (wie gesagt seinerseits Moslem) deutlich: Terrorismus und Religion schließen sich gegenseitig aus, ein Terrorist könne niemals Moslem oder Hindu oder Anhänger sonst einer Religion sein, keine Religionen würde das Töten Unschuldiger lehren. Terroristen hätten keine Religion, auch wenn sie ihre Anschläge mit dem Koran in den Händen ausführten, mache sie das nicht zu Moslems. Wichtiger als die Frage, wie sich Terroristen selber sehen sei, wie wir als Gesellschaft sie etikettieren.

Anmerkung meinerseits: Wenn das bedeutet, Terroristen seien grundsätzlich atheistisch, hätte ich hier allerdings ein Fragezeichen anzubringen. A.K. wiederholt dabei interessanterweise die Aussage Modis während seiner Reise nach England, es gebe international nur eine Form des Terrorismus, und keine spezifische Form islamischen Terrors. Da bin ich mir persönlich auch nicht sicher. A.K. meint auch, die islamische Welt sei höchst besorgt über die aktuelle Entwicklung und würde sich von jeder Form der Gewaltanwendung distanzieren. Er persönlich sehe sich aber nicht als Repräsentant eines modernen Islams, sondern er repräsentiere sein Land und eine Gesellschaft, in der er lebe.

Abschließend kommt das Gespräch auf die Rolle der Zensur im indischen Kino. So gelten z.B. Kußszenen nach wie vor als inadäquat und werden idR nur angedeutet. A.K. hat damit einige Erfahrung, in einem seiner früheren Filme (siehe Infos dazu weiter oben) wurde die Kußszenen deutlich gekürzt, aber auch der aktuelle James Bond Film „Spectre“ wurde entsprechend „behandelt“. A.K. kritisiert das und meint, eine Altersfreigabe reiche aus.

Als Reaktion auf den Aufruhr, den sein Interview auslöste, gab A.K. folgendes Statement ab:

First let me state categorically that neither I, nor my wife Kiran, have any intention of leaving the country. We never did, and nor would we like to in the future. Anyone implying the opposite has either not seen my interview or is deliberately trying to distort what I have said. India is my country, I love it, I feel fortunate for being born here, and this is where I am staying. Secondly, I stand by everything that I have said in my interview. To all those people who are calling me anti-national, I would like to say that I am proud to be Indian, and I do not need anyone’s permission nor endorsement for that. To all the people shouting obscenities at me for speaking my heart out, it saddens me to say you are only proving my point. To all the people who have stood by me, thank you. We have to protect what this beautiful and unique country of ours really stands for. We have to protect its integrity, diversity, inclusiveness, its many languages, its culture, its history, its tolerance, it’s concept of ekantavada, it’s love, sensitivity and its emotional strength.

I would like to end my statement with a poem by Rabindranath Tagore, it’s a prayer really :

Where the mind is without fear and the head is held high,
Where knowledge is free,
Where the world has not been broken up into fragments,
by narrow domestic walls,
Where words come out from the depth of truth,
Where tireless striving stretches its arms towards perfection,
Where the clear stream of reason has not lost its way,
Into the dreary desert sand of dead habit,
Where the mind is led forward by thee,
Into ever-widening thought and action,
Into that heaven of freedom, my father, let my country awake.

Jai Hind.

Dem kann ich mich nur vorbehaltlos anschießen.