Bangalore

Bangalore, 1.-4.2.12

Lecker Talis

Heute geht’s los nach Bangalore in Südindien, wo wir unsere junge Freundin Lea besuchen (die dort ein freiwilliges Jahr absolviert) und auch meinen Cousin Thomas, der dort einen mehrmonatigen Montage-Einsatz hat. Unser Zug fährt früh  von VT (Victoria Terminus, downtown Mumbai ) los, wir müssen uns von Mulund (am genau andere Ende von Mumbai) also sehr früh aufmachen. In den local trains das übliche Ritual: Sabine und ich müssen getrennt fahren (sie im Frauenabteil), es ist sehr voll, mit unseren Koffern wird es gleich doppelt schwierig. Aber es geht alles glatt, der Zug wird in Mumbai eingesetzt, steht also schon am Gleis, als wir etwa 45 min vor Abfahrt ankommen. Sabine sieht am Gleis einen Stand mit Büchern und erkundigt sich nach dem Bestseller „white tiger“, der aber nicht vorrätig ist. Sie solle aber einen Moment warten, der Titel werde in 10 Minuten da sein. Jemand spurtet los und tatsächlich hat Sabine das Buch kurze Zeit später in der Hand – toller  Service !

Der Zug startet pünktlich 8:00 morgens und fährt mit kurzen Stops an einigen größeren Bahnhöfen den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht durch und erreicht Bangalore mit nur knapp einer Stunde Verspätung am nächsten Morgen um 9:00. Es gibt in Bangalore diverse Bahnhöfe, wir steigen in „Cantonement“ aus, weil es von dort mit der Rikscha nur ein paar Minuten zu unserem Hotel ist, in dem Sabine vorher was für uns gebucht hat. Übrigens gibt es an vielen Stellen, u.a. auch an den Bahnhöfen, „prepaid“ Verkaufsstellen für Rikshafahrten. Man bezahlt 1 Rs (also etwas mehr als 1 Cent) und bekommt dafür eine Riksha-Fahrt zu einem Festpreis vermittelt – ein wahrer Segen, der uns mühsame Diskussionen mit den Riksh-Fahrern erspart. Wenn allerdings gerade kein „prepaid“ in der Nähe ist, muss man sich dann doch mit den Herrschaften rumstreiten, nach Taxameter fahren die meisten nur außerhalb der Stoßzeiten.

Die Preise für Zimmer in Bangalore sind für indische Verhältnisse ziemlich gesalzen, 1500 – 2000 Rs ist der Standard. Wir haben ein sehr einfaches, fast schmudellfreies Zimmer für knapp 1000 Rs, was man uns aber nur etwas zögernd gibt, erst mal will man uns überreden, den doppelt so teuren Raum mit AC und LCD Fernseher zu nehmen. Was wir aber dankend ablehnen, besonders weil direkt daneben gebaut wird und er nur halb so groß wie der billigere ist. Zum Vergleich: Das Gehalt eines einfachen Angestellten dürfte zurzeit im Schnitt so bei 5000 Rs im Monat liegen, ungelernte Arbeitskräfte verdienen weniger als 1000 Rs im Monat. Das Zimmer ist wie gesagt halbwegs OK, das Waschen der Laken und Handtücher hat man aber wohl kurz vorm Sauberwerden gestoppt, in den Schränken lümmeln sich Kakerlaken, die sogleich unsere Wäsche gründlich inspizieren und im Badezimmer schaut man besser auch nicht so genau in die Ecken.

Das Hotel ist am östlichen Ende der M.G. Road (steht allg. für Mahatma Gandhi Rd) – die es in eigentlich jeder größeren indischen Stadt an prominenter Stelle gibt. Hier reiht sich ein Komplex an den nächsten, alles in Beton und wenig Geschäfte. Außer neben unserem Hotel, wo sich zufälligerweise (und zu unserer großen Freude) das „Bangalore State Handicraft Emporium“ befindet. Diese Emporiums gibt es in vielen größeren Städten Indiens und bieten sehr großzügig angelegte Verkaufsflächen für handgefertigte Souvenirs, Schmuck und insbesondere Textilien zu staatlich festgelegten Preisen. Zufällig läuft gerade eine Ausstellung verschiedener Stoffe in Kobaltblau – eine wahre Augenweide. Leider haben wir kaum Platz im Gepäck, aber da das Pendant dieses Emporiums in Bombay, in dem wir seit zwanzig Jahren viele unserer Mitbringsel besorgt haben, zu unserem Ärger gerade geschlossen wurde, können wir nicht wiederstehen, doch einige Exponate zu erwerben.

Ansonsten ist dieses Ende der MG-Road ziemlich trostlos. Zwischen den beiden Fahrstreifen ruht auf gewaltigen Betonpfeilern die frisch erbaute Metro – ein richtiges Mammutprojekt, das wie alle Projekte dieser Art ziemlich umstritten ist – unter anderem weil es Unsummen Geld verschlingt und die MG-Road völlig entstellt. Aber wohl auch, weil dabei immer im Großen Umfang Individualinteressen verletzt werden: Geschäfte müssen schließen, eingesessene Quartiere umgebaut werden oder ganz weichen und da soviel Geld im Spiel ist, wird Korruption wohl auch eine nicht ganz unerhebliche Rolle dabei spielen..

Wir irren also bei sengender Hitze durch diese Betonwüste und suchen nach einer Möglichkeit zum Frühstücken, stolpern über dicke Betonplatten, die eigentlich einen Bürgersteig darstellen sollen, aber so kaputt und teilweise wild verlegt sind, dass man nur mühsam vorwärts kommt. Aber in irgendeinem Hinterhof, den wir auf Verdacht durchkämmen, stoßen wir auf eine Art Kantine (also mit Selbstbedienung) wo offensichtlich Angestellte zu Mittag essen. Und wir werden für alle Mühe entschädigt. Die Kantine ist „pure veg“ und bietet zu absoluten Niedrigstpreisen südindische Mahlzeiten vom feinsten. Wir entscheiden uns für die Talis, große Platten mit vielen kleinen Metallschälchen mit Gemüsen, Currys, Kormas, Suppen, Sweets, und Milchprodukten. Dazu Reis, Naan (sehr leckeres Brot aus dem Tandoori-Ofen) und Papadam (knusprige Fladen aus Bohnenmehl). Die südindischen Talis sind berüchtigt für ihre Vielfalt, aber was wir hier vorgesetzt bekommen, ist einfach überwältigend.

So gestärkt, geht es zum nächsten Programmpunkt: Wir treffen uns mit Lea, die wir aus Deutschland gut kennen und die nach ihrem Abi hier in Bengalore ein freiwilliges Jahr in einer Einrichtung für Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen arbeitet. Lea kennt ein Café in der Church-Street, einer Parallelstraße der MG-Road, in dem es tatsächlich Cappuccino und die meisten anderen gängigen Kaffeespezialitäten gibt, allerdings zu (für indische Verhältnisse) stattlichen Preisen. Entsprechend ist der Anteil Westler höher als sonst und auch die meist jungen indischen Gäste gehören offensichtlich eher zu den Wohlhabenderen.

Ein paar Meter weiter in der Church-Street gibt es das Kontrastprogramm: Das traditionsreiche „Indian Coffee House“, früher in der MG-Road gelegen, musste nach einer Kündigung hierher umziehen. Das „Indian Coffee House“ ist eine Kette von Cafés überall in Indien, die von Kommunisten ins Leben gerufen wurde und im Besitz der Belegschaft ist, die bis heute die Cafés in Eigenregie betreibt. Die Einrichtung ist sehr schlicht, auf der Speisekarte stehen nur Filterkaffee (der aber lecker schmeckt – mag ich eh lieber als die italienische Variante) und ein paar Snacks. Dafür sind die Preise konkurrenzlos niedrig und Westler sieht man hier eher selten. Also alles in allem sehr empfehlenswert.

Wir bleiben nur zwei Tage hier in Bangalore, Sabine schaut sich Leas Projekt an, ich selber erlaube mir mal einen Tag Auszeit und belasse es bei einem Spaziergang durch „Gandhi Nagar“, die  Altstadt in der Nähe der „City Station“ (quasi der Hauptbahnhof). Am Samstag, dem Tag unserer Abreise, hat Thomas Geburtstag und sich uns zu Ehren freigenommen. Wir gehen mit ihm in die Kantine von gestern frühstücken und schauen uns zusammen den zentralen Markt an, der auf mehreren Etagen alles bietet, was man sich denken, vor allem Eisen- und Haushaltswaren und Lebensmittel. Am beeindrucktesten sind die Bereiche wo Gewürze und Blumen verkauft werden. Aus den  farbigen Gewürzpulvern werden meterhohe Pyramiden geformt, in unzähligen Räumen werden körbeweise Blüten gehandelt, lose oder zu Ketten zusammengeflochten. Ein unbeschreiblicher Mix aus Gerüchen, Farben und Lärm. Generell ist es ein guter Tip, sich in indischen Städten den Markt (Bazaar) anzuschauen, aber Bangalore hat sicher einen der eindrucksvollsten zu bieten.

Danach geht es zur Erholung in den „Lalbagh Botanical Garden“ – wie der Name schon sagt, ein großzügig angelegter Botanischer Garten, mit sehr schönen Blumenarrangements und vielen alten und mächtigen Bäumen. Das schönste aber ist, dass man etwa in der Mitte der Anlage keinen Verkehrslärm wahrnimmt, bei dem permanenten und allgegenwärtigem Krach in Bangalore ein fast irreales, auf jeden Fall aber sehr wohltuendes Erlebnis.

Inzwischen ist es fast Abend geworden, wir schließen unseren Tag mit Thomas im Indian Coffee House ab und steuern den Bahnhof an, wo wir später mit Lea verabredet sind. Das nächste Ziel ist eine ayurwedische „Nature Cure“ Klinik in der Nähe von Kottayam, noch ein ganzes Stück weiter im Süden, in der Sabine uns die für ein paar Tage eingebucht hat.